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Franz Vranitzky und Erhard Busek bei einer Parlamentssitzung im Jahr 1995.

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STANDARD: Herr Vizekanzler Busek, bei einem Vortrag vor genau 20 Jahren haben Sie im kleinen Kreis der Lackenhofer Runde um den nunmehrigen Landeshauptmann Erwin Pröll ziemlich präzise das Zerbröckeln der kommunistischen Systeme analysiert, die damals alle noch im Amt waren. Wie viel konnte man damals in Österreich wissen?

Busek: Ich bin beeindruckt, wenn ich das so vermittelt habe - aber ich zähle mich nicht zu jenen, die von sich behaupten, gewusst zu haben, dass der Eiserne Vorhang zu diesem Zeitpunkt zusammenbricht. Das konnte niemand. Dafür ist das in den letzten 20 Jahren eigentlich recht gut gegangen - am meisten hat das die österreichische Wirtschaft begriffen. Das ist trotz Finanzkrise eine bleibende Chance; das Schlechtreden halte ich für sehr problematisch.

STANDARD:  Herr Bundeskanzler, deckt sich das mit Ihrer Erinnerung?

Vranitzky: Ich teile vollkommen die Meinung, dass niemand guten Gewissens behaupten kann, er hätte gewusst, was da passiert. Was man beobachten konnte, war eine Personifizierung des Öffnungsprozesses - da ist an erster Stelle Michail Gorbatschow zu nennen. Hier hat sich etwas weltpolitisch Interessantes abgespielt: Der absolut antikommunistische Ronald Reagan war eine Hauptfigur, um die Metamorphose weg vom "Reich des Bösen zu vollziehen" . Man darf als Europäer den starken amerikanischen Beitrag zur Entwicklung nicht übersehen. Aber in einem Punkt waren wir schon ganz gut vorbereitet: Die österreichische Wirtschaft hat nicht erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Chancen in Osteuropa erkannt und genutzt. Daher ist es nach 1989 unseren Leuten auch leichter gefallen, unsere Marktchancen auszuweiten und zu nutzen - was übrigens zu neidvollen Kommentaren der Deutschen geführt hat ...

Busek: ... und nach wie vor führt ...

Vranitzky: Genau! Eine der Ursachen, warum man sagt, dass die österreichischen Banken angeblich schlechter dran sind als die anderen, geht in diese Zeit zurück.

Busek: Eine Person, die man zu Gorbatschow und Reagan noch ergänzen sollte, ist Johannes Paul II. Das hängt auch zusammen mit der Gewerkschaftsbewegung Solidarnoœć, die aufgezeigt hat, dass eine kommunistische Regierung nicht in der Lage war, etwas für die Arbeiter zu tun. Was ich zur Wirtschaft ergänzen möchte, ist die Mentalitätsfrage - das wird mit immer wieder gesagt: Wir können besser mit den Leuten reden als die Deutschen.

Vranitzky:Im Westen gab es ja Gegner der Wiedervereinigung, denn da herrschte ja die landläufige Meinung: Die kriegen ein tolles Industrieimperium dazu. Damals haben deutsche Freunde gemeint: "Die Eisenacher Motorenwerke? Da erzeugen wir ab morgen BMW!" Dann sind sie hingekommen und haben gesehen: Das sind überhaupt keine Fabriken. Und die Kosten der Wiedervereinigung, die wir über die Zinsenpolitik der Deutschen Bundesbank alle mitgetragen haben, sind ja nicht zuletzt deshalb so viel höher gewesen, weil man die Qualität der Wirtschaft überschätzt hatte.

STANDARD: Man ist im Westen - bis hinein ins Amerika Reagans - der Propaganda aufgesessen, dass es im Osten wirtschaftlich gut laufe?

Vranitzky: Margaret Thatcher hat mir erzählt, dass das intellektuelle Potenzial der Ostdeutschen bedeuten würde, dass Deutschland zu einer noch viel bedeutenderen Wirtschaftswundermacht aufsteigen würde. Was wir aber nicht übersehen dürfen: Da gibt es noch eine nichttechnokratische Seite, nämlich die humanitäre. Mit diesem Jahr 1989 sind unglaubliche polizeistaatliche Maßnahmen zu Ende gegangen - das darf nicht zweitrangig hinter dem Ökonomischen betrachtet werden.

STANDARD:  Sie haben beide persönlich versucht, in Österreich ein Bewusstsein für die Veränderungen zu schaffen. Da war SPÖ-Parteitag in Graz - und mit einem Auge hat man mitverfolgt, dass sich in der DDR die Ereignisse überschlagen. Aber ist das bei der Basis angekommen?

Busek: Ich stand immer unter dem Verdacht, "ostanfällig" zu sein und damit anti-EU. Und dann kamen rasch die Ängste: Die kommen jetzt alle, die nehmen uns alles weg.

Vranitzky: In der Industriearbeiterschaft und in der Bauwirtschaft - die Stahlwerke und Hotels im Osten gebaut haben - hat es schon vorher eine stark positive Einstellung zum Wirtschaftsverkehr mit Osteuropa, inklusive Russland gegeben. Andererseits hatte ich alle Hände voll zu tun, als die ersten Kaufreisen nach Österreich begonnen haben.

STANDARD:  In einer Fessel-Umfrage haben im Dezember 1989 sechs Prozent gesagt, dass die Besucher "lästig" wären, elf Prozent haben ein "Ärgernis wegen der verstopften Straßen" erlebt.

Vranitzky: Das ist so weit gegangen, dass Sektionsleiter von SPÖ-Sektionen aus dem zweiten und elften Bezirk gekommen sind und gesagt haben: "Das muss man rasch unterbinden, denn wir können die Autobusse nicht aufnehmen. Da ist ein Hygieneproblem! Die trampeln in unsere Schrebergärten." Da ist die weltpolitische Entwicklung auf die Sicherheit unserer Schrebergärten geschrumpft worden.

Busek: Das hat noch immer eine Nachwirkung - im Ausbau der Infrastruktur zu unseren Nachbarn - eine Fahrt von Linz nach Èeské Budìjovice ist abenteuerlich.

STANDARD:  Was man sich 1989 nicht vorstellen konnte: Dass diese Länder einmal in der EU sein werden. Damals konnten sich das ja viele nicht einmal für Österreich vorstellen. Warum war das damals so schwer, den berühmten "Brief nach Brüssel" zu schreiben, was musste da passieren?

Busek: Das muss man sagen: Das war ein Verdienst Vranitzkys.

Vranitzky:Danke schön! Aber: Was habe ich vorgefunden in meiner Partei? Eine Meinungsposition, die über viele Jahre gehätschelt wurde. Die Position lautete: "EG ist Nato - und Nato wollen wir nicht. Wir haben eh die Efta, wo auch andere neutrale Länder drinnen sind. Und die Efta unterscheidet sich angenehm von der EG, weil sie keine supranationalen Behörden hat. Da kann uns keiner was dreinreden." Der EU beizutreten ist das eine - und dabei zu sein ist etwas anderes. Das heißt nämlich unter anderem, Allianzen zu schließen mit anderen Mitgliedern. Dies wird umso dringlicher, je mehr Mitgliedsländer es gibt. Da kann man immer weniger davon ausgehen, dass alle in Detailfragen einer Meinung sind oder überhaupt eine Meinung haben. In einem Fischereikonflikt von Schweden und Finnland könnten wir uns versucht fühlen zu sagen: "Betrifft uns nicht. Berührt uns nicht." Andersherum haben weder die Schweden noch die Finnen irgendein Interesse an unserem Transitvertrag gehabt. Wenn wir uns mit denen zusammengesetzt hätten, hätten wir über Allianzen gegenseitiges Verständnis und Unterstützung schaffen können.

Busek: Ich möchte da durchaus noch massiver werden: In Wahrheit ist es für kleinere EU-Staaten sehr geraten, eine gewisse Gruppenbildung zu haben, anderen bei Konflikten zu assistieren. Kleinere Staaten sind ja beweglicher als die Großen, sie könnten für die Integration mehr tun. Ich wäre zum Beispiel dafür, dass sich die Österreicher im Konflikt Slowenien - Kroatien engagieren sollen. Der kürzeste Weg von der österreichischen zur kroatischen Grenze ist 28 Kilometer, das ist also quasi ein Nachbarstaat. Das, was nicht geglückt ist, ist: Ein europapolitisches Konzept für Österreich selbst zu entwickeln, wofür wir stehen wollen. Das ist auch eine Folge dessen, dass der Populismus in unverträglichem Ausmaß zunimmt, in einer Partei schon immer, aber jetzt auch in den anderen.

STANDARD:  Da ist Ihre Partei angesprochen?

Vranitzky: Meine?

Busek: Nicht nur, aber auch ...

Vranitzky: Also ehrlich: Ich neige dazu, das zu ignorieren.

Busek: Das ist das Einzige, was uns übrigbleibt. (Conrad Seidl/ DER STANDARD-Printausgabe, 30. April/1.Mai 2009)