Schriftsteller Péter Zilahy verfolgte die Euphorie von 1989.

Péter Zilahy (geb. 1970) ist Schriftsteller, Fotograf und Performer und derzeit Grazer Stadtschreiber. Zuletzt erschien "Der lange Weg nach nebenan" (Passagen-Verlag).

Foto: Zilahy

Für Peter Zilahy ist es unbestreitbar, dass "1989 eine österreichisch-ungarische Initiative war! Wir beide haben die Grenze geöffnet! Wobei das größere Risiko auf unserer, auf der ungarischen Seite, lag", betont der geborene Budapester, der zurzeit als Grazer Stadtschreiber am Schlossberg über den Dächern der Altstadt lebt. Zilahy ist ein dichtender, fotografierender und performativer Workaholic bekannt - und zwar am New Yorker Broadway ebenso wie am Burgtheater, wo er in Martin Kusejs Inszenierung von "König Ottokars Glück und Ende" zitiert wurde.

1989 war Zilahy 19 und gerade im richtigen Alter, um Aufbrüche mit Leib und Seele zu erleben. "Auf einmal gab es eine unglaubliche Euphorie auf den Straßen, wunderschön anzusehen! Die Leute hatten Hoffnung und glaubten, dass sie ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen konnten", erinnert sich Zilahy an 1989. Und davon konnte er nicht genug bekommen: "Ich wollte das sehen, also fuhr ich überall hin, wo es passierte."

Das Resultat dieser Revolutions-Interrail-Reise erschien einige Jahre später: In "Die letzte Fenstergiraffe - Ein Revolutionsalphabet" (Eichborn Verlag) erzählt Zilahy witzig, poetisch und autobiografisch von den Umbrüchen in seiner Heimat und überall sonst, wie etwa von der Revolution in Rumänien oder Anti-Miloseviæ-Demos. Formal ist es als alphabetisch geordnetes Verzeichnis mit bissigen Zeichnungen gestaltet. Der Titel der Fenstergiraffe ist einem Kinderlexikon, das Millionen ungarische Kinder kannten, entliehen. Und man darf behaupten, dass Zilahys Version der Ablak - Zsiráf (so der 1998 erschienene Originaltitel) ebenso viele Menschen erreichte und vor allem bewegte. Das Buch wurde mittlerweile in über 20 Sprachen übersetzt, heuer ins Türkische. Doch besonders stolz blickt Zilahy auf das Jahr 2004 zurück: Damals wurde seine Fenstergiraffe in der Ukraine zum Buch des Jahres erklärt. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowitsch rief dazu auf, das Buch zu lesen und "zu verwenden". Ende des Jahres, als die friedlichen, orangefarbenen Proteste die Ukraine ergriffen, schrieb Andruchowitsch an Zilahy: "Sie leben jetzt dein Buch". Zilahy fügt schmunzelnd hinzu: "Tatsächlich hatten die Leuteauf den Demos mein Buch eingesteckt."

Doch begonnen hatte all das 1989 in Ungarn. Damals, als sein Land "politisch erwachsen" wurde und Zilahy auch. Heute sieht er die Revolutionsjahre wenig verklärt. Der Hoffnung folgte Ernüchterung. Ob er ein Linker sei? "Es gibt Leute, die das sagen würden." Und ist es Zufall, dass er laut Fenstergiraffe immer neue sexuelle Erfahrungen machte, wenn irgendwo ein Diktator starb? "Weiß nicht, mal sehen. Ein paar leben ja noch." (cms / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2009)