Foto: W. Meissl

Konetschny beim Protest im vergangenen Dezember. Sozialminister und Ex-ÖGB-Chef Hundstorfer kam damals zufällig vorbei. Konetschny über Post-Gewerkschafter Gerhard Fritz: "Wenn ein Gewerkschaftsboss mit demselben BMW kommt wie der Vorstand: Das passt einfach nicht."

Foto: Lukas Kapeller
Foto: Lukas Kapeller

Sinnbild der Post AG: Rückseite der Filiale in der Wiener Nordwestbahnstraße. Wo einst stolze Postkutschen einfuhren, bröckelt die Fassade.

Foto: Lukas Kapeller
Foto: Lukas Kapeller

Konetschny in der leeren Zusteller-Halle: Wo sich früher Postboten in Betriebsküche und Tischtennis-Zimmer tummelten, steht heute einsam eine Leiter.

Foto: Lukas Kapeller

Die Miete war zu hoch, die Kundschaft zu spärlich, die Konkurrenz zu stark. Oder zu billig. Thomas Konetschny kann die Ausflüchte nicht mehr hören. Die Post werde kaputt gespart und schlecht gemacht. "Ich habe noch von keinem unserer Manager gehört, dass wir ein gutes Unternehmen sind."

Seit 1987 schiebt er Briefe über den Schalter. Als er sich damals bei der Post Brigittenau zum Dienst meldete, zählte die österreichische Post 54.000 Mitarbeiter. Nun kommt die schlanke AG mit 27.000 aus. Tendenz: eh klar. Das Handwerk lernte er in der Filiale beim alten Nordwestbahnhof. "Zu Maria Theresias Zeiten sind sie mit der Postkutsche zugefahren", schwärmt Konetschny. Heute bröckelt dort der Putz von der Fassade.

Meuterei auf dem Postamt

Er ist Betriebsrat für die fünf Postämter im 20. Bezirk. Er nimmt das ziemlich ernst. Im Herbst 2008 nahm man ihm die Filiale in der Millennium City, dann verlegte die Geschäftsführung die Zustellbasis in den 9. Bezirk. Konetschny verfasste damals ein Protestschreiben. Schlecht für die Mitarbeiter, schlecht für die Kunden sei das. "Ich habe das kopiert, und die Briefträger sind von selbst losgerannt und haben die Kunden unterschreiben lassen", erzählt er. Dafür habe ihn einer der Vorstände höchstselbst zusammengestaucht. Der 45-Jährige sei nur deswegen nicht entlassen worden, weil er als Betriebsrat geschützt ist.

Jetzt reicht es ihm wieder: Plötzlich will jeder Postpartner sein, sogar die Kirchen tun sich hervor. Dass Apotheker, Greißler und Pfarrer in einem kleinen Ort die Post bringen, sehe er ein. Aber: Wenn das zum Normalfall werde, dann fühlt er sich verschaukelt. Im Grunde ist es eine Erniedrigung.

Schlimmer als die verlorene Ehre ist die Konkurrenz. Und diese züchtet die Post AG laut Konetschny selbst heran. "Man baut jetzt mit den Tochtergesellschaften eine Konkurrenz auf", sagt er. Gemeint sind Werbeverteiler wie Feibra, mittlerweile eine 100%-Tochter der Post AG. Feibra hängt Plastiksackerl mit Prospekten an die Tür, sendet aber bereits auch Kataloge (wie "Quelle" und "Universal") adressiert an Kunden. "Das Geschäft überschneidet sich grundsätzlich, weil die Post auch unadressierte Werbung macht", räumt Feibra-Geschäftsführer Franz Hausleitner ein.

Angst vor Lohndumping

In einer Resolution, die Konetschny an Post-Gewerkschaft und Infrastrukturministerin Doris Bures (SPÖ) geschickt hat, warnt er vor Lohndumping. Auch Spitzen-Gewerkschafter schäumen regelmäßig: Feibra-Boten bekämen "50 Euro am Tag" und müssten "sich selbst versichern". Hausleitner will sich zu derStandard.at auf keinen Tagessatz festlegen. Die Bezahlung erfolge "leistungsabhängig pro Stück" und jedenfalls "branchenüblich" an die "Werkvertragspartner". Konetschny nennt sie "Tagelöhner aus dem Osten, die unsere Leute in die Arbeitslosigkeit treiben. Das kann's ja nicht sein."

Post-Sprecher Michael Homola versteht die Aufregung des Betriebsrats überhaupt nicht. "Es wird 2009 keine betrieblichen Entlassungen geben", versichert er. Und außerdem: Feibra liefere "Sackerl an die Haustüren", das habe mit der Briefverteilung wenig zu tun. Ein Brief habe Name und Adresse, die Zustellung sei "eine punktgenaue Geschichte", sagt Homola.

Postler Konetschny - das Opfer einer Verwechslung? "Er liegt nicht ganz richtig und nicht ganz falsch", urteilt Post-Gewerkschafter Martin Palensky. Es gibt aus seiner Sicht zwar keine aktuellen Versuche durch Feibra, der Post Arbeit wegzunehmen. Aber: "Ich traue unseren Managern alles zu, die erfinden das Rad immer wieder neu." Soll heißen: Ein Vorstoß in Richtung Billigpost sei jederzeit möglich.

Billigschiene angedacht

Schon im August 2008 hatte der damalige Post-Chef Anton Wais in Alpbach, fernab des Tagesgeschäfts, laut über die Feibra als Billigschiene nachgedacht, wenn der Postmarkt 2011 liberalisiert wird.

Und so sagt auch Post-Sprecher Homola: "Dass wir den Brief einmal über zwei Schienen transportieren, kann ich weder bestätigen noch ausschließen. Bis 2011 ist es noch sehr lange." Gerade solche Aussagen machen Konetschny rasend. Er berichtet, dass seine Kollegen schon heute oft warten müssten, bis der Feibra-Billiglöhner seine Kataloge verteilt hat.

Dabei ist seine Laufbahn eine Geschichte der Schrumpfung. Als der gelernte Tapezierer damals mit 23 Jahren zur Post kam, war diese ein echter Staatsbetrieb. "Wir waren viele Leute und viele Hände, fast so etwas wie ein Auffanglager." Dem Neuling sagten die Kollegen damals: "Burli, tu' ein bissl langsamer!" Natürlich müsse man Leute einsparen, "aber mit Maß und Ziel. Ich hab' zwar nicht BWL studiert, aber ich bin nicht weltfremd."

Die Sparpolitik der Post zeigt sich heute schon im Paketdienst. Dort gibt es kein gelbes Monopol mehr, und private Frächter machen das Geschäft. "Gerade die sorgen für Kundenbeschwerden. Die finden zum Teil nicht einmal die Postfilialen", höhnt Gewerkschafter Palensky. Konetschny sieht das genauso: Die Qualität leidet - und damit der gute Ruf. Abgesehen von schwindenden Jobs und schmäleren Löhnen.

Wettbewerbsnachteil Resi-Tant'

Gegensteuern kann hier Ministerin Doris Bures. Sie hat das neue Postmarktgesetz vorige Woche in Begutachtung geschickt. Zwei Punkte im Gesetzesentwurf: Erstens müssen die privaten Postanbieter - sollte es ab 2011 welche geben - in einen Ausgleichsfonds einzahlen. Denn: Die Post ist "Universaldienstbetreiber", muss also alle versorgen, während sich Privatfirmen wie Redmail auf die lukrativen Ballungszentren beschränken könnten. Konetschny: "Wir müssen ja auch zur Resi-Tant' auf den Berg." Zweitens will Bures dafür sorgen, dass die privaten Briefeverteiler vergleichbare Löhne bezahlen - andernfalls gibt es keine Konzession.

Bures' Entwurf wird derzeit von den Interessensgruppen zerpflückt. Die Post-Gewerkschaft und ihr Rebell Konetschny haben dabei nur eine von vielen Wahrheiten gepachtet. Der Verband der Österreichischen Zeitschriften fühlt sich durch Bures' Bedingungen um den Markt betrogen, in den er so gerne hinein will.

Konetschny wittert den Rivalen schon im eigenen Haus. Feibra-Chef Hausleitner will davon nichts wissen. "Wenn es diesen Plan gibt, dann bei der Post." Und überhaupt: Wenn die Feibra je Briefe verteilt, dann werde es auch "andere Beschäftigungsmodelle" geben, sprich: bessere. "Wenn ich den Auftrag erhalte, dann mache ich das aber gerne", sagt Hausleitner über das Brief-Business. Und auf Nachfrage: "Es ist sicher ein interessanter Markt." Thomas Konetschny kennt solche Bekundungen nur zu gut. Für ihn klingen sie wie eine gefährliche Drohung. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 30.4.2009)