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Präsident Chirac wird bei einem Aufenthalt 2001 von den Bewohnern Mayottes überschwänglich empfangen.

Foto: EPA/Desmazes

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Der iranische Präsident zu Besuch bei der Republik Komoren.

Foto: Reuters/Stringer

Auf halber Strecke zwischen afrikanischer Ostküste und Madagaskar liegt die Inselgruppe der Komoren. Seit 1975 sind drei der vier Inseln von Frankreich unabhängig und bilden die Islamische Bundesrepublik Komoren. Nur die Insel Mayotte stimmte bei der Abstimmung über die Unabhängigkeit 1974 für den Verbleib bei Frankreich - unter dem Motto: „Wir wollen Franzosen bleiben, um frei sein zu können". Seitdem genoß Mayotte den Sonderstatus einer französischen Gebietskörperschaft.

Reiches Mayotte

Mayotte hat sich weit von den anderen Inseln des Archipels entfernt, obwohl die UNO Mayotte trotz Veto von Frankreich offiziell als Teil des Inselstaates sieht. Aufgrund des Status einer Gebietskörperschaft Frankreichs war Mayotte mit je einem Vertreter im französischen Parlament und im Senat vertreten. Dazu hatte die Insel Anspruch auf gesetzlich garantierten Mindestlohn, Kindergeld und kostenlose Gesundheitsfürsorge. Anders als die französischen Überseedepartements wie Martinique oder Guadeloupe gehörte Mayotte aber nicht zur Europäischen Union.

Bis Ende März. Da stimmten mehr als 95 Prozent der Wähler für eine vollständige Integration in den französischen Staat. Der Status als 101. Departement Frankreichs bedingt vor allem Änderungen im sozialen Bereich. So wird beispielsweise die polygame Ehe auf der fast gänzlich muslimischen Insel verboten und das Mindestheiratsalter für Mädchen von 15 auf 18 Jahre angehoben. Mayotte soll als Département schrittweise auch von höherer Unterstützung des französischen Staates wie Sozialhilfe oder Wohngeld profitieren und die Regionalhilfen der EU in Anspruch nehmen können.

Ständige Verlockung für Nachbarn

Doch die Segnungen des europäischen Sozialstaates sind für die Bewohner der benachbarten Inseln eine ständige Verlockung. Schon bisher sichert Paris mit jährlich 635 Millionen Euro einen Lebensstandard, der zehnmal so hoch ist wie auf den benachbarten Komoreninseln. Ca. 200.000 Menschen leben auf Mayotte; mindestens ein Drittel davon sind Illegale, die meist von den übrigen Komoren-Inseln stammen. Besonders schwangere Frauen versuchen häufig, auf die Insel zu gelangen, da ein auf Mayotte geborenes Kind automatisch die französische Staatsbürgerschaft bekommt.

Die Europäische Kommission hat Frankreich Ende vergangenen Jahres zur Achtung der Menschenwürde in seinem Übersee-Territorium aufgefordert. Die Brüsseler Behörde reagierte damit auf Berichte über eine unwürdige Unterbringung illegaler Einwanderer auf der Inselgruppe. Berichte der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und französischer Medien hatten im Dezember "ernste Sorgen" über die Zustände in dem Lager formuliert, erklärte ein Sprecher. Da die Inselgruppe damals noch nicht als EU-Region galt, unterlag sie auch nicht den europäischen Abschiebe-Richtlinien.


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Für Frankreich erfüllt das Eiland auch eine geopolitische und wirtschaftliche Funktion. Vergangenen Februar besuchte der iranische Präsident Ahmedi-Nejad die drei Inseln der Republik Komoren, um dort den iranischen Einfluss auszubauen. Er brachte Geld für neue Schulen und Moscheen mit. Als Bollwerk gegen die Islamisierung der Region rechtfertigt Frankreich sein Engagement vor seinen westlichen Verbündeten. Aber natürlich sind auch die Fischereirechte und die Ressourcen der Insel - vor allem Gewürze - ein Grund für den politischen Willen von Paris, die Insel als fünftes Übersee-Departement vollständig in den französischen Staat einzugliedern.

Unruhen in übrigen Departements

Bislang zählte Frankreich die beiden Karibik-Inseln Guadeloupe und Martinique sowie Französisch-Guyana am südamerikanischen Festland und La Reunion im indischen Ozean zu seinen Überseedepartements. Sie alle haben den Euro als Währung und ihre Bürger haben einen EU-Pass und senden Abgeordnete sowohl ins EU-Parlament als auch in die französische Nationalversammlung. Doch während Mayotte in den Status eines Departements drängt, wünschen sich die alten Departements mehr Autonomie. Im Februar und März kam es auf den Inseln Guadeloupe, La Reunion und Martinique zu wochenlangen Streiks mit Krawallen und Plünderungen von Geschäften. Auf Guadeloupe kam es zu einem Todesfall.

Die Lebenshaltungskosten in den französischen Überseegebieten sind im Vergleich zu Festland-Frankreich überdurchschnittlich hoch. Die heimischen Wirtschaften sind kaum entwickelt, zahlreiche Produkte werden importiert. Die Proteste richteten sich aber auch zunehmend gegen die ungleiche Verteilung der Reichtümer. Unter den Arbeitgebern gibt es überdurchschnittlich viele Weiße, die Aufstiegschancen für Einheimische sind stark eingeschränkt.

Innenministerin Michèle Alliot-Marie stellte im März im Pariser Senat ein Gesetz über Steuererleichterungen für die Überseegebiete vor. Frankreich schlage eine "neue Seite" der Beziehungen auf, erklärte sie. Präsident Nicolas Sarkozy will angesichts der monatelangen sozialen Krise auf den französischen Antillen demnächst eine Grundsatzdebatte über die Überseegebiete beginnen. (red, derStandard.at, apa)