Jeder Laut bekommt eine neue Bedeutung: Vokalartistin Donatienne Michel-Dansac atmet, tiriliert und keucht die vierzehn stimmlichen Drahtseilakte der "Récitations" von Georges Aperghis.

Foto: M. Sepperer

Nicht ohne eine gewisse sprachspielerische Spitzfindigkeit kommentieren die Programm- macher von 4020 - Mehr als Musik das Motto ihres kommenden Festivals, das heuer dank Linz 09 im Herbst noch eine zweite Auflage erfahren wird.

Während man sich im November dem Thema "Gott" annähern will, geht es im Mai unter dem Titel "Song" um Profaneres, wobei das englische Wort für Lied eine witzige Umdeutung erfährt, indem es nämlich als - fast gleich ausgesprochenes - "sogn" im oberösterreichischen Dialekt gelesen wird.

Die Parallele zum Minnesänger Walther von der Vogelweide und dessen "singen unde sagen" mag zufällig sein, doch möchte auch der künstlerischen Leiter von 4020, Peter Leisch, Singen im weiteren Sinn als Erzählen auffassen, "um die Verbindung von Melodien und Sprachen, die Verschränkung von literarischen Texten mit klanglichen Texturen" zu zeigen.

Jeder der vier Tage, die sich insgesamt um eine programmatische Erweiterung des schlichten Liedersingen bemühen, steht wiederum unter einem schillernden Motto: Da dreht sich zunächst am Mittwoch alles um "Folk Songs", etwa um Luciano Berios gleichnamigen Zyklus, in dem der italienische Komponist Volksmusik aus den USA, Armenien, Aserbaidschan, Italien und Frankreich bearbeitete, aber auch Volkslieder "fälschte".

Um die Frage, was denn authentisch sei, kreisen auch die Erkundungen des Sängers Beñat Achiary, der sich im Spannungsfeld zwischen traditioneller baskischer Musik und der europäischen Improvisationsszene bewegt, ebenso wie ein Projekt des Saxofonisten Max Nagl und des Linzer Schriftstellers Walter Pilar: Das Auftragswerk von 4020 mit dem Titel Rotzglockner verspricht mit seinen Jodlern und Echos eine skurrile Befragung musikalischer und mentaler alpenländischer Traditionen.

Echo romantischer Träume

Anspielungsreich geht es am Donnerstag mit dem Motto "Song Book / Buch der Lieder" weiter: Wer da an Heinrich Heine denken sollte, liegt nicht ganz falsch, verspricht doch ein weiteres Auftragswerk kaum weniger melancholische Töne anzuschlagen. Wie Heines Wintermärchen-Text entstanden auch die Jugenderinnerungen Träume erzählen von Erich W. Skwara, die die Grundlage für eine Komposition des Linzers Rudolf Jungwirth bilden, fern der Heimat. Und auch Bernhard Langs Song Book nähert sich an etwas weit Entferntes an und scheint die Liederzyklen der Romantik als gebrochenes Echo heraufzubeschwören.

Gebrochenheit ist vielleicht die zentralste Erfahrung moderner Identitäten. Andererseits hat dies aber auch zu einer Explosion künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten geführt, die das freitägige Motto unter "Flüstern, Schreien, Verstummen" zusammenfasst.

Die Sopranistin Judith Ramerstorfer wird fünf sich denkbar verschieden ausdrückende Komponistinnen zu Wort kommen lassen, darunter etwa Olga Neuwirth: In Nova/Minraud werden paranoide Zwischenwelten mit Flüstern, Schreien, Röcheln und Hauchen heraufbeschworen. Ganz anders konzipiert sind die 14 Récitations, in denen Georges Aperghis Silben und Phoneme wie Töne verwendet und eine artifizielle Sprache entwirft: Interpretiert werden diese buchstäblich halsbrecherischen stimmlichen Drahtseilakte von der fulminanten Vokalartistin Donatienne Michel-Dansac.

Alte Lieder, aktuelle Probleme

Was die Tradition erzählt, wird am Samstag unter dem Titel "Old and New Songs" gefragt, wenn die Linzer Harfenistin Reinhild Waldek eine Hommage an die Renaissancekomponistin Barbara Strozzi gestaltet oder E-Gitarrist Burkhard Stangl mit der Komposition My Dowland eine persönliche Annäherung an den elisabethanischen Lautenmeister vorstellt.

Und wenn Carlo Muratori dann am Ende seine introvertierten Balladen singt, fließen Alt und Neu nochmals zusammen: Auf Basis traditioneller Folklore formuliert der sizilianische Liedermacher aktuelle politische Probleme von den Bootsflüchtlingen vor Italien bis zum Irakkrieg. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2009)