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Ahmet Davutoglu ist neuer türkischer Außenminister.

Foto: EPA/AL-SUDANI

Die Entscheidung war keine wirkliche Überraschung. Als der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan eine große Kabinettsumbildung bekanntgab, hatten die Medien bereits im Vorfeld mit Ahmet Davutoglu als neuem Außenminister gerechnet. Tatsächlich wurde damit nur bestätigt, was informell schon lange praktiziert wurde. Obwohl bis Ende letzter Woche auf dem Papier nur außenpolitischer Berater des Ministerpräsidenten, war es doch schon seit Jahren Ahmet Davutoglu, der die Leitlinien der türkischen Außenpolitik vorgab.

Mit dem 50-jährigen Professor für Politik und Wirtschaft hat die Türkei nun einen Außenminister, der in den letzten Jahren tatsächlich eine neue Außenpolitik konzipiert und auch durchgesetzt hat. Nach der klassischen Neutralitätspolitik und der darauf folgenden, ausschließlich auf den Westen orientierten Außenpolitik kommt jetzt die "multidimensionale Politik" von Ahmet Davutoglu. Der Aufstieg Davutoglus vollzog sich parallel zum Niedergang des Verhältnisses zur EU. Solange der jetzige Staatspräsident Abdullah Gül noch Außenminister war, hatte die Türkei voll und ganz auf eine Annäherung an die EU gesetzt.

Doch je länger viele Europäer deutlich machten, dass sie die Türkei nicht in der EU haben wollen, umso populärer wurde Davutoglu mit seinem Konzept, die Türkei unabhängig von der EU wieder zu einer stärkeren Macht in der eigenen Region zu machen.

Und das ist für Davutoglu, der mit seinem Buch Strategische Tiefe schon als Professor die Richtung vorgab, eben nur mit einem stärkeren Engagement und einer eigenständigen Politik im Nahen Osten, im Kaukasus und auf dem Balkan zu erreichen. Davutoglu wurde von Erdogan zu heiklen Missionen nach Syrien, in den Iran und in den Irak geschickt. Das war, bis hin zu einer ersten Vermittlung zwischen Syrien und Israel, zunächst sehr erfolgreich, wird aber spätestens seit Erdogans Auftritt in Davos, wo er mit dem israelischen Präsidenten Shimon Peres heftig aneinandergeriet, auch kritisch hinterfragt in dem Sinne, ob die Türkei nicht längst dabei sei, sich vom Westen gänzlich zu verabschieden.

So weit muss man wohl nicht gehen, um Davutoglus Konzept zu beschreiben. Aber der Mann aus dem anatolischen Konya träumt einen anderen Traum, als die Türkei bald in der EU zu verankern. Er möchte an die Politik des Osmanischen Reiches anknüpfen und die Türkische Republik überall dort, wo das Osmanische Reich schon einmal herrschte, wieder zu einer einflussreichen Macht machen. (Jürgen Gottschlich, DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2009)