Muss nach der Matura die Erfüllung seiner Träume erst einmal nach hinten verschieben und seine Treuepflicht gegenüber dem Staat erfüllen: Keyvan Schahbasi, 19, rückt ein zum Bundesheer.

Florian Vetter

Sie lassen sich ihre Zukunft nicht krankjammern: Maximillan Karall, Keyvan Schahbasi, Stefan Kobre, Ana-Marija Cvitic und Daniela Nemecek (von links).

Florian Vetter

Während sich die Gewitterwolken am Finanzhimmel dieser Welt weiter zusammenbrauen, die Jugendarbeitslosigkeit immer neue Rekordhöhen erreicht, scheint in Favoriten die Sonne. Zumindest für die 18-jährige Ana-Marija Cvitic, Schülerin einer achten Klasse im Gymnasium Ettenreichgasse. "Man muss flexibel sein in der Zukunft, sich der Situation anpassen, auch was die Wirtschafslage betrifft. Ich möchte Jus studieren mit Schwerpunkt Europarecht, und dann zumindest ein halbes Jahr nach Kroatien gehen um meine Muttersprache zu verbessern", sagt sie.

Ana-Marija ist eine von rund 37.000 Schülern, die jährlich an höheren Schulen in Österreich Matura machen und danach vor einem neuen Zeitabschnitt stehen. Raus aus dem Klassenzimmer, hinein ins Leben. Wie geht es weiter? Studieren oder Arbeiten? Im Elternhaus bleiben oder Ausziehen? derStandard.at hat bei Schülern und Schülerinnen im Gymnasium Ettenreichgasse nachgefragt.

Einer, der präzise Antworten auf entscheidende Fragen hat, ist Stefan Kobre. Er legt so etwas wie eine Dreistufenplan vor. "Ich möchte Fluglotse werden. Falls das nicht klappt, dann werde ich im Sommer Latein lernen und Jus studieren gehen. Wenn mir das auch nicht taugt, dann bewerbe ich mich in der Verwaltung vom AMS. Meine Mutter ist dort Beraterin", sagt der 20-Jährige.

Sei es der Berufswunsch Grafiker, Arzt oder Mathematiker: Die meisten angehenden MaturantInnen im Gymnasium Ettenreichgasse haben genaue Vorstellungen vom Leben nach der Reifeprüfung.

"Gemütliches" Hotel Mama

Wie sich diese Ziele finanziell verwirklichen lassen, steht auf einem anderen Blatt. Auch wenn das Studieren unter der rot-schwarzen Ägide von Faymann/Pröll nichts mehr kostet, das Leben will trotzdem bezahlt werden. Und dabei wird auf die Eltern gesetzt. "Sie werden mir meine Studienzeit an der Angewandten zahlen, dafür wohne ich auch weiterhin bei ihnen", meint Maximillian Karall, für den das Hotel Mama "gemütlich" sei. Was sich nicht nur in täglichen warmen Mahlzeiten zeigt, sondern auch in einem „sehr guten Verhältnis" zu seinen Eltern.
Anders als viele Studenten aus den umliegenden Bundesländern, die es oft allein oder in WGs in die Hauptstadt zieht, wohnen viele Wiener zu Beginn ihrer Studienzeit daheim. So auch Ana-Marija. Sie bekommt jede Unterstützung von zu Hause, wenngleich sie in ein bis zwei Jahren zu arbeiten beginnen will. "Noch fühle ich mich aber zu jung zum Ausziehen. Miete und Strom zahlen, putzen und alleine essen kaufen, das ist schon anstrengend."

So weit denkt Keyvan Schahbasi derweil nicht. Nicht nur, dass er nach einer Ehrenrunde in der siebten Klasse die Matura ohne Bauchweh schaffen möchte, würde er auch gerne wieder einmal seine Verwandten im Iran besuchen. Die hat er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. "Ich kann aber nicht ins Land einreisen, denn sobald ich dort wäre, würden sie mich zum iranischen Militär einberufen. Zwei Jahre Hölle, darauf habe ich wirklich keine Lust", sagt der 19-jährige. Schahbasi möchte Mathematik studieren, das sei "eher auf Logik bezogen als auf das Auswendiglernen". Und Naturwissenschaftler sind gesucht auf dem Jobmarkt.

Zukunftsängste?

Fragen rund um Beruf, Ausbildungsmöglichkeiten und Jobchancen sind mittlerweile bei den Schülern genauso Diskussionsthema wie die Destination der Maturareise. Erfolgschancen werden mit persönlichen Interessen abgewogen. Ob die MaturantInnen glauben, dass ihr Leben jetzt (am Ende der Schulzeit) besser wird, oder ob die schönste Zeit schon vorbei ist? "Zukunftsängste habe ich keine. Alle machen uns Angst wegen der Wirtschaftskrise, aber die Entwicklung ist wie eine Welle. Jetzt sind wir unten, aber wenn ich fertig studiert habe, dann schwimmen wir schon wieder oben auf. Ich bin optimistisch und lasse mich nicht von alten, resignierenden Leuten demotivieren", sagt Ana-Marija. Klassenkollege Keyvan Schahbasi glaubt ebenfalls an den Sinus-Kurveneffekt in der Ökonomie. "Die beste Zeit kommt noch. Wenn ich fertig studiert habe, wird der Konjunktur-Motor anspringen, und die wirtschaftliche Situation wird rosiger sein."

Im Notfall Networking

Überhaupt frei von Gedanken an Hungerlöhne, krachende Industrien und gierige Manager ist Daniela Nemecek. Sie sieht es eher locker. "Sich Sorgen zu machen bringt im Moment eigentlich nichts. Was würde mir das auch helfen? Mein Studium dauert lange. Mal sehen, was bis dahin passiert", sagt die angehende Medizinstudentin. Und falls alle Stricke reißen und Auswahlverfahren an Unis, Fachhochschulen oder Flughäfen in die Hose gehen, bleibt immer noch Vitamin B als Schlüsselqualifikation beim Stellensuchen. Stefan Kobre: "Ich habe gute private Kontakte, irgendwo ist immer ein Platz frei. Da mache ich mir keinen Stress." (Florian Vetter, derStandard.at, 10.5.2009)