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Moderner Mikrozephalus oder uralte Menschenart, das ist die Frage. Neue Untersuchungen liefern eine ziemlich eindeutige Antwort.

 

Foto: AP Photo/National Geographic, Ira Block

London - Sie waren rund einen Meter groß und rund 30 Kilo schwer. Ihr Gehirn hatte mit etwas über 400 Kubikzentimetern in etwa die Größe eines Schimpansenhirns. Und wie Funde zeigen, benutzten sie einfache Steinwerkzeuge, konnten Feuer machen und jagten Zwergelefanten und Komodowarane.

Die Rede ist vom 2003 auf der indonesischen Insel Flores entdeckten Homo floresiensis, der vor allem in der Öffentlichkeit unter dem Namen "Hobbit" - nach den menschenähnlichen Wesen in der von J. R. R. Tolkien geschaffenen Fantasy-Welt Mittelerde - groß Karriere machte. Das lag nicht zuletzt daran, dass es unmittelbar nach dem Sensationsfund der Knochenreste, die zwischen 17.000 und 95.000 Jahre alt sein dürften, zu einer heftigen wissenschaftlichen Kontroverse darüber kam, um was es sich dabei handelte.

Während die Entdecker behaupteten, mit dem Homo floresiensis eine eigene Frühmenschenart entdeckt zu haben, meinten andere, dass es sich um moderne Homo-sapiens-Vertreter handeln würde, die unter Mikrozephalie gelitten hätten.

Zwei neue Untersuchungen in der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature" sowie eine ganze Spezialausgabe des "Journal of Human Evolution" bringen nun weitere Argumente dafür, dass die australischen Entdecker recht gehabt haben dürften: einerseits mittels einer vergleichenden Fußanalyse und andererseits durch Vergleiche mit - ja, Sie lesen richtig - Zwergflusspferden.

Das große Rätsel für die Forschung ist nämlich, wie die Flores-Menschen zu einem so kleinen Gehirn kamen. Die britischen Paläontologen Eleanor Weston und Adrian Lister argumentieren nun ("Nature", Bd. 459, S. 85), dass die abgeschiedene Insellage zur Verzwergung führte. Denn etwas Ähnliches habe sich beim längst ausgestorbenen Flusspferd auf Madagaskar zugetragen: Auch da habe die natürliche Selektion zu um bis zu 30 Prozent kleinerer (Hirn-)Größe geführt, was entsprechend weniger Energie braucht.

Die Untersuchung der vergleichsweise riesigen Hobbit-Füße stützt die Frühmenschenthese: H. floresiensis bewegte sich zwar auf zwei Beinen fort. Er konnte das aber nur recht langsam tun. Seine "primitiven" Füße sind nämlich in fast allen anatomischen Merkmalen jenen von Menschenaffen ähnlicher als unseren Füßen (S. 85).

Bleibt die Frage nach dem Stammbaum von Homo floresiensis. Und die ist nach wie vor offen: Er könnte ein Abkömmling von Homo erectus gewesen sein, wie man bisher annahm. Womöglich geht er aber sogar auf den noch älteren Homo habilis zurück. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 5. 2009)