Haben eigentlich nur E-Mail-Kontakt: Emmi Rothner (Ruth Brauer-Kvam) und Leo Leike (Alexander Pschill).

Foto: Moritz Schell

Selbst in einer konventionellen Inszenierung vonMichael Kreihsl.

Wien – Was nützt die Liebe in Gedanken? Ziemlich viel. Daniel Glattauers Roman Gut gegen Nordwind lebt von der gepflegten Annahme, keine reale Liebe könne die bloße Vorstellung derselben überflügeln. Eine Frau (Ruth Brauer-Kvam) und ein Mann (Alexander Pschill) entwickeln in dem 2006 zum Bestseller avancierten modernen Briefroman eine recht eindrückliche Liebe auf E-Mail-Basis.

Ein unschuldiger Tippfehler führt die verheiratete Emmi Rothner mit dem in Trennung befindlichen Leo Leike zusammen – allerdings und zur Enttäuschung von Heerscharen romantisch gesinnter Leser nur schriftlich und schließlich auch noch unerfüllt.

In Michael Kreihsls Inszenierung für die Kammerspiele der Josefstadt läuft die letzte Antwortmail – sie kommt bezeichnenderweise von der Instanz "Systemmanager" – wie ein trauriger Abspann über den Schlussvorhang. Echte Glattauer-Leser aber wissen, die Fortsetzung liegt längst in den Buchregalen: Alle sieben Wellen (Deuticke 2009).

Der E-Mail-Roman, vom Autor gemeinsam mit Dramaturgin Ulrike Zemme für das Theater neu gefasst (die Uraufführung fand 2007 am Posthof Linz statt), beweist von Anfang an seine Bühnentauglichkeit. Dafür besteht schon längst kein Zweifel mehr: Briefromane haben im postdramatischen Theater ihren fixen Platz (jüngst etwa Amélie Niermeyer mit Amos Oz' Black Box). Vor wenigen Jahren waren es eben noch Faxgeräte, über die zum Beispiel in Esther Vilars Eifersucht fachmännisch Gefühle ausgetauscht wurden.

Die Künstlichkeit des auf der Bühne getrennt miteinander Kommunizierens gibt Michael Kreihsls konventioneller Inszenierung sogar Auftrieb und verschafft dem Kammerspiel die nötige Luftigkeit. Dagegen war die Idee mit den Overheadfolien, mittels deren verzichtbare Hinweise wie "4 Tage später" projiziert wurden, nur schlechte Schminke aus dem Off-Theater.

"Herzblatt"-Wand

Konventionell: Die beiden Wohnwaben der schriftlich Verliebten (Bühne: Hugo Gretler) sind durch eine dicke Wand voneinander getrennt, als befänden wir uns bei "Herzblatt". Über sie hinweg und meist im absichtsvollen Nicht-erblicken des jeweils anderen (Wo werden solche Theaterillusionen heute allen Ernstes noch aufrechterhalten?) tauschen Emmi und Leo gierig Stofflichkeiten eines Lebens aus, das es nur in schriftlicher Form gibt. Sie trinken abends online gemeinsam Rotwein und helfen einander bei Gelegenheit mit einem Verlängerungskabel aus, nur in Gedanken, versteht sich.

Den diffusen Sog dieser Zuneigung untermalen Musikeinspielungen von Lambchop und vor allem die emotionsakkordierte Lichtgebung Emmerich Steigbergers. Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill halten gut den Grat von Nähe und Distanz. Große Begeisterung beim Publikum. Und die Wünsche nach einer Bühnenversion des Folgeromans wurden laut ... (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 9./10.5.2009)