Graz - Günther Neukirchner steht heute, Samstag, schon vor dem Besuch der Partie Sturm Graz gegen Austria ein ungewöhnlicher Termin ins Haus. Der ehemalige Kapitän und Rekordspieler von Sturm führt ab 15 Uhr durch die Ausstellung "Jahrhundertsturm. Über eine Weltanschauung in Schwarz-Weiß", er wird wohl von längst geschlagenen Schlachten im Europacup, von ehemaligen Trainern und unvergesslichen Derbys erzählen.

Neukirchner hat zwischen 1989 und 2006 421-mal das Kampfmannschaftstrikot übergestreift, er durfte sich mit der Hautevolee im europäischen Klubfußball messen, musste mit dem Klub aber auch die dünne Luft des Abstiegskampfs inhalieren.

Die multidimensionale Installation nähert sich dem 100-jährigen Vereinsjubiläum im Großen wie im Kleinen. Scheinbar trivial anmutende Objekte wie jene schwarz-weißen Konfetti, die während des Feierzugs der Mannschaft anlässlich der ersten Meisterfeier 1998 aus den Fenstern der Häuser in der Grazer Innenstadt gerieselt kamen, gesellen sich zu stattlichen Trophäen als Nachweis für Meistertitel und Cupsiege. Für den formalen Rahmen sorgen "Infoinseln", Vitrinen also, die in Form eines taktischen 4-4-2 Schemas im Ausstellungsraum angeordnet sind.
"Proud to be gscheat"

Über den "Infoinseln" flattern an der Decke befestigte Fan-Transparente, eines davon trägt den Schriftzug "Proud to be gscheat", reflektiert den Makel der Provinz also mit einem gewissen Stolz. Als akustische Kulisse begleiten den Besucher die Fan-Chöre der wackersten schwarz-weißen Anhänger, Videoschleifen zeigen nicht nur die größten Freuden, sondern auch die bittersten Niederlagen: beispielsweise Josef "Euro-Pepi" Schicklgrubers ungestüme Flugeinlage gegen den AC Parma im UEFA-Cup vor zehn Jahren, die er bekanntlich, mit dem runden Leder in Händen, erst hinter der Torlinie stand.

Bemerkenswert ist auch die Vielzahl an Beiträgen bedeutender zeitgenössischer Künstler. So hat Günter Brus für die Ausstellung einen eigenen Bilderzyklus geschaffen, Reinhard P. Gruber und Gerhard Roth illustrieren mittels Poesie, was der Verein in ihnen auszulösen imstande ist. Sturm-Präsident Hans Rinner, enthusiasmiert: "Die Ausstellung stellt die besten Tugenden von Sturm, Tradition und Emotion, auf sehr gute Weise dar." Zu bestaunen gibt es "Jahrhundertsturm" noch bis zum 14. Juni. Noch nicht zu Gast war der mittlerweile zum Outlaw abgestiegene, doch erfolgreichste Präsident der Sturm-Geschichte: Hannes Kartnig kam am Tag der Eröffnung nur kurz zum Grazer Künstlerhaus, er will sich die Ausstellung aber noch in Ruhe ansehen. "Weil es klass ist, dass es so etwas gibt."

Der Zeit seiner Regentschaft wird breiter Raum geboten, seiner Person selbst weniger. Neben TV- und Radiointerviews erinnern die längst ausgemusterten goldenen Polster des VIP-Klubs an die Kartnig-Ära. Sie wurden zufällig wiedergefunden, nachdem sie von der neuen Vereinsführung bereits entsorgt worden waren.
Omnipräsent, wenn es um die Geschichte von Sturm Graz geht: Ivica "Ivan" Osim, der legendäre Trainer. (Gregor I. Stuhlpfarrer, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 9. Mai 2009)