Yves Jacques als Direktor der Oper in "The Andersen Project" geschäftlich unterwegs, von der Leinwand auf die Bühne des Volkstheaters.

Foto: Emmanuel Valette

Wien - Auf internationalen Blogs zu Robert Lepages The Andersen Project wurden schon unlautere Angebote gemacht, um an Karten zu kommen. Das frankokanadische Multitalent hat weltweit recht hemmungslose Fans. Jetzt in Wien, fünf Jahre nach der Premiere, sind die Bedingungen für einen Theaterbesuch nicht mehr so hart. Der Zuspruch aber ist geblieben, das Publikum war hingerissen.

Mit dem im Auftrag der Andersen-Stiftung entstandenen Werk zum 200. Geburtstag des dänischen Märchendichters Hans Christian Andersen haben sich die Wiener Festwochen einen glücklichen Start gesichert: The Andersen Project entfächert ein breites Spektrum poetischer Erzählkunst, in dem Elemente aus der Klamottenkiste mit Cyberspace-Visuals Hochzeit feiern. Robert Lepages Bühnenkunst fällt auf fast wundersame Weise aus der Welt.

Früh gelangweilt von den einschlägigen Inszenierungen des westlichen, literaturlastigen Sprechtheaters entwickelte der in Québec lebende und arbeitende Regisseur mit seiner Truppe Ex Machina früh eine einzigartige Multimediakunst, die aus höchster technischer Präzision poetisch-illusorische Kraft schöpft.

In ihr durchdringen einander Film und Theater wie mehrere einander nur bedingt abstoßende Folien einer gemeinsamen Realität. Berühmt wurde Robert Lepage unter anderem für seine große Vietnam-Saga The Seven Streams of the River Ota, mit der er 1995 bei den Wiener Festwochen erstmals zu Gast war. The Andersen Project nun ist kleiner, ein Solo, ursprünglich mit Lepage selbst als Darsteller. Seit zwei Jahren spielt es Yves Jacques, der auf der Bühne des Volkstheaters mit den blonden Flatterhaarperücken auch die Figuren der Geschichte wechselt. Und diese ist so verrückt, wie es das Theater allzu selten ist:

Der Direktor der Pariser Opéra Garnier heuert einen kanadischen Poplyriker an, das Andersen-Märchen Die Dryade als Libretto für eine Kinderoper zu adaptieren. Warum? Das Andersen-Jubiläum machte EU-Gelder locker. Lepage stellt in dieser kulturbetrieblichen Introspektion auch das hanebüchene Kalkül gesteuerter Kunstproduktion zu Schau.

Mit Rekurs auf sich selbst: Denn wie der Schrifsteller in The Andersen Project hat auch Lepage im Auftrag gearbeitet. Er treibt die geschäftigen Abläufe mit unverschämter Komik voran: Es sei ein weiteres Projekt in Planung: Beckett für Kinder in Irland!

Frédéric reist nach Paris, wohnt, weil die EU-Gelder doch nicht üppig fließen, in der Wohnung eines Junkies (über einem Peepshow-Lokal), der ihm zwar seinen Hund überlässt, dafür aber in Übersee die Freundin ausspannt. Beim Vermittlungsgespräch mit den Koproduzenten in Kopenhagen verheddert sich der Poet zu sehr in seine Rechercheergebnisse bezüglich H. C. Andersens Masturbationsfrequenz, was die Verantwortlichen des Kinderopernunternehmens an der Zurechnungsfähigkeit ihres Librettisten schlagartig zweifeln lässt. Dabei wollte Frédéric nur die Schüchternheit und Lebenssehnsucht des Märchendichters ausdrücken, die sich im Dryaden-Märchen widerspiegelt: Eine Baumnymphe hegt den intensiven Wunsch nach Paris zu gelangen, koste es auch das eigene Leben.

Ostern in der Peepshow

Einmal als Operndirektor, der Ostern in der Peepshow verbringt, dann als Rockabilly-Dichter mit wedelnder Hundeleine: Yves Jacques wandelt mit Leichtigkeit durch das Panorama dieser raffiniert in sich gespiegelten Erzählung. Er steigt wie in einem verzerrten Traum aus der Postkartenansicht der Pariser Oper bzw. von der Leinwandwölbung auf die Bühne; er imaginiert den magischen Transfer vom Kopenhagener Andersen-Museum auf die Schienen der Deutschen Bahn; er rubbelt am projizierten Baum im Bois de Boulogne das Andersen-A frei, das zwei Jahrhunderte später zum Anarchisten-A wurde. Perfekt setzen dabei filmische Kader Bühnengeschehen frei.

Die Überkonstruiertheit der Geschichte, an der man noch den Auftragscharakter ablesen mag, dient in erster Linie der Form. Sie hebt den Plot mit ihrer eigentümlichen Komik über das pure biografische Theater hinaus, in ein modernes Märchen vom immer wieder leise scheiternden Leben. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 11.05.2009)