Wien - Noch immer gibt es in der Gesellschaft erhebliche Stigmata, was die Einschätzung von Erkrankungen wie Krebs, Aids oder MS betrifft. Konzepte wie "Unbehandelbarkeit" und "schwerstes Leiden" prägen das Verständnis und machen Angst, zeigte am Wochenende eine beim Europäischen Palliativkongress in Wien präsentierte Studie. Bestimmte Formen der Medienberichterstattung können diese Haltung verstärken.

"Fehleinschätzungen und Missverständnisse können dramatische Folgen haben", warnte Kongresspräsident Hans-Georg Kress (AKH Wien/ Medizinische Universität Wien): "Wer davon überzeugt ist, dass die Erkrankung oder auch ihre Symptome nicht behandelbar sind, wird auch kurativen oder palliativen Hilfsangeboten skeptisch gegenüber stehen." Aufklärung in diesem Bereich sei also wesentlich.

Mehr Medienberichte über Krebs

Einen wesentlichen Einfluss auf die Wahrnehmung von Erkrankungen kann die Medienberichterstattung haben. Eine deutliche Entwicklung hin zu mehr Berichterstattung in den Printmedien über Krebs im Zeitraum von 2003 bis 2008 registrierte Daniela Mosoiu vom Hospiz-Haus Sperantei in Brasov in Rumänien. Die größte Zahl an Artikeln berichten über die Erkrankung im Kontext "Krebs - Schmerzen - Tod", so die Expertin bei der Präsentation ihrer Untersuchung in Wien. Recht häufig seien auch Berichte über Inkompetenz des Gesundheitssystems in diesem Zusammenhang. Diese Darstellungen tragen auch zu Skepsis und - oft zu - später Kontaktaufnahme Betroffener mit den entsprechenden medizinischen Diensten und Institutionen bei, glaubt Mosoiu.

Unausgewogene Berichterstattung

Mediendebatten über Themen wie Palliativmedizin und Euthanasie würden häufig unausgewogen geführt, kritisierte beim EAPC-Kongress in Wien die britische Palliativexpertin Ilora G. Finlay (Universität Cardiff), auch Mitglied des britischen Oberhauses. Vor kurzem haben sich nämlich in Großbritannien zahlreiche Medien unter Verwendung jeweils sehr plakativer Beispiele für "assistierten Selbstmord" stark gemacht.

Die Palliativmedizinerin: "Die Mediendebatte über 'Wahlmöglichkeit zum Lebensende' konzentriert sich deutlich mehr auf die Art des Todes in einem solchen Fall als auf die Wahlmöglichkeiten für eine Versorgung, die den Betroffenen auch eine gute Lebensqualität an ihrem Lebensende ermöglicht. Damit wird der Tod als die zu bevorzugende Lösung eines medizinischen und psychosozialen Problems dargestellt." (APA)