Europas nationale Politiker und Parlamente würden die EU als Sündenbock benutzen, um von hausgemachten Fehlern und wunden Punkten abzulenken - und zuweilen auch, um innenpolitisch abzurechnen. Das vermuteten kluge Menschen schon bisher, um zu erklären, woher die etwa in Österreich ausgeprägte EU-Müdigkeit wohl kommt. Die untergriffige Asyldebatte, die sich in den vergangenen Tagen aus dem Straßburger EU-Parlamentsplenum in den Mittelpunkt der heimischen Politdebatte vorgearbeitet hat, kann als prototypisches Beispiel für eine solche Verlagerung mit mehr oder weniger unerwünschten Nebenwirkungen gelten. Denn zwar ist Wahlkampf in der EU, was gesamteuropäische Debatten und Beschlüsse, die in Österreich sonst auf eher weniger Aufmerksamkeit stoßen, naturgemäß in den Fokus rückt. Doch statt auch nur den Versuch zu wagen, über die Asylfrage, wie sie in Europa derzeit erwogen wird, sachlich und vernünftig zu diskutieren (und politisch zu streiten), kommt das ganze, ohnehin schon emotionalisierte Thema mit der Wucht einer Kampagne daher. Ein schmissiger Aufmacher über Asylregel-"Aufweichungs"-Pläne" in der Kronen Zeitung, "Entsetzen" bei der ÖVP, weil einzelne SPler dafür gestimmt haben - und darauf folgend nur Defensive bei der SPÖ. Und keiner, der den Menschen zu erklären versucht, dass das Flüchtlingsproblem nicht national, sondern nur EU-weit zu lösen sein wird. Zusammengefasst: So wird EU-Verdrossenheit produziert. (Irene Brickner/DER STANDARD-Printausgabe,12.5.2009)