Wien - Buchstäblich scheibchenweise enthüllen die Wissenschafter den "Charakter" der gefährlichsten Haukrebsform, des Melanoms. Daraus entstehen jetzt schon Therapiekonzepte, die "individuelle" Merkmale der Krebszellen treffen und auch im fortgeschrittenen Stadium helfen können, betonten am Dienstag Experten bei einer Pressekonferenz in Wien, wo in der Hofburg derzeit der 7. Welt-Melanom-Kongress (bis 16. Mai) stattfindet.

"Das Melanom macht fünf Prozent aller Hautkrebsfälle aus. Es ist aber ein gefährlicher Tumor. In den USA gibt es pro Jahr 100.000 Erkrankungen und etwa 8.000 Todesfälle. In Österreich haben wir pro Jahr rund 2.000 Erkrankungen und 400 Todesfälle. Nur fünf Prozent der Patienten mit einem metastasierendem Melanom überleben mehr als fünf Jahre", erklärte Hubert Pehamberger, Vorstand der Universitäts-Hautklinik am Wiener AKH und Melanomspezialist. Im Frühstadium durch Operation faktisch immer heilbar, ist die Erkrankung im Spätstadium bisher nur schwer zu behandeln.

Zielgenauer therapieren

Doch es gibt Aussichten auf bessere Therapiemöglichkeiten. Von Wien ausgehend wurde bereits vor einigen Jahren eine Behandlungsmethode entwickelt, bei der mit sogenannten Antisense-Oligonukleotiden (kurzen "Gegenstücken") das "Überlebensgen" bcl-2 der Tumorzellen gehemmt wird. Pehamberger: "Das macht die Krebszellen wieder empfindlich für eine Chemotherapie."

Bei dem Kongress wird aber auch eine klinische Studie der Phase-II von der Wiener Klinik mit dem monoklonalen Antikörper Ipilimumab präsentiert. Der Antikörper blockiert die Oberflächenstruktur CTLA-4 von zellenabtötenden Immunzellen. Das macht diese körpereigenen Killer-Lymphozyten scharf. Die klinische Studie mit 227 Patienten mit einer Ein-Jahres-Überlebensrate bei Patienten mit metastasierendem Melanom von 47,5 Prozent deutet darauf hin, dass die Überlebensraten erhöht werden können und Metastasen schrumpfen.

Die Therapie soll aber auch noch zielgenauer bei den Melanomzellen werden. Meenhard Herlyn vom Wistar Institute in Philadelphia (USA): "Mutationen im b-raf-Gen sind offenbar spezifisch für Melanomzellen. Jetzt arbeiten mehrere Pharmakonzerne daran, Medikamente dagegen zu entwickeln. Vier Prozent aller Melanompatienten weisen in den Melanomzellen Mutationen auf, die man mit dem Leukämiemedikament 'Glivec' behandeln kann. Man hat dann eine 50-prozentige Chance, geheilt zu werden." Hier geht es um die Blockade des Gens bcl/abl, das als Enzym Krebszellen in das Wachstum und zur Teilung treibt.

Herlyn: "Das Melanom wird scheibchenweise aufgerollt. Wir wollen das gesamte Genom aus rund 500 Melanom-Tumoren sequenzieren. Dann können wir alle Untergruppen identifizieren und die Therapie individualisieren."

Stammzellen besser erfassen

Einen Durchbruch könnte auch die Stammzellforschung bringen. Schlafende Stammzellen stellen die Nachschubquelle für Tumorerkrankungen dar und sind bisher mit Medikamenten kaum zu treffen. Der Experte: "Jede Stammzelle, die wir mit der Therapie nicht erfassen, kann einen neuen Tumor erzeugen." Herlyn und sein Team haben hier sich nur langsam teilende Stammzellen in Melanomen entdeckt, die dafür verantwortlich sind.

Interessant: Diese Stammzellen in tiefen Hautschichten haben noch keine vor dem UV-Licht schützende Pigmente. Herlyn: "Sie werden zum Beispiel vom UVA-Licht der Solarien voll getroffen." Das kann Melanome auslösen. Pehamberger: "Ich halte viel von einem Verbot von Solarien für unter 18-Jährige wie in Deutschland." (APA)