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Verlegung eines Glasfaserkabels am Golf von Aden im April. Durch die Leitung können eine Million Telefonate gleichzeitig laufen.

Foto: REUTERS/Gina Din Corporate Communications/Japheth Kagondu

Wenn die Verbindung zum Internet abbricht, kann die Ursache in der Tiefsee liegen. Die globale Kommunikation hängt dort gleichsam am seidenen Faden. Ein Geflecht aus haarfeinen Quarzglas-Strähnen, ummantelt mit Hüllen aus Metall und Kunststoff, bildet die Arterien von Internet und Telefon zwischen den Kontinenten. Zerreißen sie, werden ganze Staaten vom globalen Datenstrom abgeschnitten.

Oft sind es Naturgewalten, die wichtige Verbindungen kappen. So zerriss im vergangenen Jahr zu Weihnachten ein Seebeben am Grund des Mittelmeers ein Kabel und zerstörte die Internetverbindung zwischen Indien und Nordafrika; Millionen Datenanschlüsse fielen aus. Ende 2006 rissen bei einem Beben im Indischen Ozean gleich mehrere Kabel. Hunderte Millionen Menschen in Asien litten drei Wochen unter dem Ausfall - und den wirtschaftlichen Folgeschäden.

Das ganz große Blackout

Solche Zwischenfälle seien lediglich der Vorgeschmack für das ganz große Blackout, warnen nun Geoforscher. Seebeben, Untermeer-Lawinen oder Vulkanausbrüche könnten ganze Kontinente vom globalen Datenverkehr abschneiden, schrieben Dale Dominey-Howes und James Goff vom Tsunami-Forschungszentrum in Sydney kürzlich im Fachblatt Natural Hazards and Earth System Sciences (Bd. 9, S. 605, 2009). Wie Datenkabel in der Tiefsee besser geschützt werden könnten, beraten Experten in dieser Woche in Bremen auf der Tagung von Ozean-Spezialisten der Internationalen Ingenieurvereinigung IEEE.

Verliefen Wasserleitungen an Land in ähnlichen Gefilden wie die Datenkabel in der Tiefsee, würden wohl Zweifel am Verstand der Ingenieure aufkommen. Ausgerechnet die interkontinentalen Kommunikationsleitungen - die Lebensadern der Industriegesellschaft - queren Erdbebenzonen und Vulkangebiete. Die Konstrukteure haben allerdings keine Wahl. Die Ozeane sind von Erdbebenzonen umringt und von einem 60.000 Kilometer langen Vulkangebirge durchzogen.

Probleme mit den Kabeln gab es von Anfang an. Das erste Tiefseekabel, das im Ärmelkanal Nachrichten zwischen England und Frankreich übertragen sollte, verstummte 1850 gleich am ersten Betriebstag - und verschluckte eine Nachricht an Napoleon III.

1858 gelang es erst im fünften Versuch, zwischen Europa und den USA eine funktionierende Leitung zu verlegen. Doch die Glückwunschtelegramme zwischen Queen Victoria und US-Präsident Buchanan quälten sich 16 Stunden durch das Kabel, bevor dieses für immer seinen Dienst einstellte. Erst acht Jahre später entstand eine bleibende Nachrichtenverbindung zwischen den Kontinenten. Und bis zur ersten interatlantischen Telefonleitung dauerte es weitere 90 Jahre. Erst von 1956 an übertrug ein Tiefseekabel 36 Gespräche gleichzeitig.

Weit besser als Satelliten


Trotz aller Widrigkeiten gibt es aber auch im Satellitenzeitalter keine Alternative zum Tiefseekabel. Moderne Glasfasern übertragen weitaus mehr und schneller Daten, als dies Satelliten tun. Durch die Quarzfäden einer Glasfaserleitung können rund eine Million Telefongespräche gleichzeitig laufen - mit Lichtgeschwindigkeit.

Die Risiken, denen die Kabel ausgesetzt sind, kann jedoch auch moderne Technologie nicht verringern. Zwar schützt ein Mantel aus Metall und Kunststoff die feinen Stränge vor Salzwasser und Strömung. Im Flachmeer, wo Anker und Fischernetze am Grund entlangschrammen, werden die Kabel zudem mithilfe eines Pflugs vergraben, den das Kabellegerschiff hinter sich herzieht. Auch diese Maßnahme schützt nur bedingt. Im Winter 2007/2008 zerrissen binnen weniger Wochen vier Schiffe mit ihren Ankern Kabel am Grund des Mittelmeers; in Indien und im Nahen Osten lahmte das Internet wochenlang.

In größeren Meerestiefen werden die Leitungen sogar einfach auf den Grund gelegt. Der Großteil des Meeresbodens ist Schlammwüste, dort droht wenig Gefahr. An den Grenzen zwischen zwei Erdplatten jedoch wirken immense Naturgewalten. Viele Kabel müssen einen Mittelozeanischen Rücken queren, einen untermeerischen Gebirgszug. Dort quillt, von Beben begleitet, Lava aus den Scheiteln der Bergrücken. Geologen versuchen, die Kabel an den vulkanisch aktiven Zonen vorbeizuführen - ein kompliziertes Unterfangen. Das Kabelschiff muss ständig seine Route korrigieren .

In Küstennähe ist es oft kaum möglich, Gefahrenzonen zu umgehen. Nur die Gestade des Atlantiks sind weitgehend frei von Erdbeben. Im Mittelmeer, Roten Meer, Pazifik und Indischen Ozean zerreißen regelmäßig schwere Beben den Meeresboden. "Besonders gefährdet sind die Kabel vor Ostasien" , sagt Peter Linke vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Auch vor der Westküste der USA können Starkbeben jederzeit sämtliche Verbindungen von Nordamerika nach Asien kappen.

Gefahr rund um Hawaii

Auf Hawaii, dessen Vulkane als die aktivsten überhaupt gelten, kreuzen sich gleich 13 Kabelstränge. Die Vulkaninsel Mauna Kea ist zudem der höchste Berg der Welt, er ragt 10.000 Meter vom Meeresgrund auf, davon 4000 Meter über den Meeresspiegel.

Alle paar Jahre rutschen mächtige Gerölllawinen von den Flanken der Berge. Ein Vulkanausbruch könnte so gewaltige Rutschungen auslösen, dass sämtliche Kabel um Hawaii herum zerstört würden, meint Dominey-Howes. Die interkontinentale Kommunikation im Pazifikraum würde weitgehend lahmgelegt. Es würde Wochen dauern, den Schaden zu beheben.

Auch andere Kabelknotenpunkte seien bedroht, warnt Dominey-Howes. Eine Naturkatastrophe an einem solchen Flaschenhals sei jedenfalls eine "Hauptgefahr für die Weltwirtschaft". (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 13. 5. 2009)