Peking - Im Vorfeld des 20. Jahrestages des Massakers auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen-Platz) hat die chinesische Polizei einen Führer der damaligen Protestbewegung wegen Betruges angeklagt. Die Anklage gegen Zhou Yongjun sei seiner Familie am Mittwoch in Suining im Südwesten Chinas mitgeteilt worden, sagte dessen Bruder, Zhou Lin, der Nachrichtenagentur AFP. Demnach war der 41-jährige frühere Studentenführer, der mehrere Jahre in den USA gelebt hatte, im September von den chinesischen Behörden bei seiner Rückkehr in die Volksrepublik verhaftet worden.

Die Situation sei jedoch unklar und die Familie warte auf weitere Informationen der Behörden über die Anklage seines Bruders, sagte Zhou Lin. Da sein Bruder so lange in den USA gelebt habe, sei unklar, wie er sich in China des Betrugs habe schuldig machen können. Während der Proteste vor 20 Jahren gehörte Zhou zu den Führern einer Studentengruppe, die sich maßgeblich an den Demonstrationen beteiligt hatte. Im Juni 1989 schickte das KP-Regime Panzer und Soldaten auf den Platz, der wochenlang von studentischen Anhängern der Demokratiebewegung besetzt war, und ließ ein Blutbad anrichten. Der Militäreinsatz wird in China offiziell als "Niederwerfung konterrevolutionärer Unruhen" bezeichnet. Tausende Soldaten der "Volksbefreiungsarmee" waren im Einsatz, monatelang galt das Kriegsrecht.

Vor dem 20. Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung haben Menschenrechtsgruppen die Freilassung von etwa 30 noch inhaftierten Teilnehmern gefordert. Die in New York ansässige Organisation Human Rights Watch (HRW) rief die Regierung in Peking am Mittwoch zudem auf, die Verfolgung von Kritikern und der Familien der Opfer endlich einzustellen. Bis heute werde jede Diskussion über den Militäreinsatz in der Nacht auf den 4. Juni 1989 unterdrückt. Die Regierung weigere sich auch, eine Liste der Getöteten, Verschwundenen und Inhaftierten zu veröffentlichen. Die in San Francisco ansässige Dui-Hua-Stiftung, die sich für politische Häftlinge in China einsetzt, rief die chinesische Führung auf, eine Liste der damals Inhaftierten zu veröffentlichen. Nach mehreren Freilassungen in den vergangenen Monaten verringerte die Stiftung ihre bisherige Schätzung der Zahl der noch inhaftierten Teilnehmer an der Demokratiebewegung 1989 von 60 auf 30. (APA/AFP/dpa)