Eine gemeinsame Sprache trennt bekanntlich oft mehr als die größten Unterschiede. Manchmal bringt sie aber auch den Vorteil mit sich, dass sich die Anzahl potenzieller Fehlerquellen auf ein vernünftiges Maß reduziert. Muss nämlich ein geschriebenes oder gesprochenes Wort erst in ein anderes Idiom übertragen werden, dann führt der ständige Hinweis darauf, falsch übersetzt worden zu sein, rasch zur völligen Erschöpfung. Fragen Sie Mahmud Ahmadinejad, fragen Sie Hilmar Kabas.

Nein, wer von Wien nach Berlin reist, von Rosenheim nach Kufstein oder auch nur von Marktl nach Braunau, der muss bei seinem GPS nicht die Sprache ändern und sich selbst nicht an eine neue Synchronstimme von Arnold Schwarzenegger gewöhnen. Und trotzdem ist die Beziehung Österreichs zu Deutschland - bzw. umgekehrt - eine unendliche Geschichte, unendlich in ihrer Hassliebe nämlich. Da muss man gar nicht bis in die 30er-Jahre zurückblicken, es reicht schon ein einziger Deutscher auf einem wichtigen Posten in österreichischen staatsnahen Betrieben, man denke nur an den Vor-Vorgänger des jetzigen ÖBB-Chefs.

Diese schwierige Beziehung ist praktisch nicht mehr zu verschlechtern, auch wenn sich der deutsche Finanzminister derzeit redlich bemüht. Der Hamburger Peer Steinbrück machte klar Schiff in punkto Bankgeheimnis, stellte klar, dass mit dem Cowboy-und-Indianer-Spielen nun Schluss sei. Man müsse die Kavallerie gar nicht losschicken, sagte er im März; es reiche, wenn die Indianer wüssten, dass es sie gäbe. Damit hat er sie quasi schon mal satteln lassen.

Sein Nachschlag von letzter Woche, als er die Alpenrepublik in einem Atemzug mit Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, nannte, führte völlig zurecht neuerlich zu hammermäßiger Empörung an den Stammtischen zwischen Bregenz und Mörbisch, aber hier ist für einen goscherten Piefke ohnehin nichts mehr zu... siehe oben. Anders in Ouagadougou, wo etwa die Wiege des Fußballprofis Jonathan Pitroipa stand, heute eine wichtige Stütze beim Hamburger SV.

Keine Frage, Steinbrück hat sich mit seiner Idee, Ouagadougou in einem Atemzug mit Steuerparadiesen wie Luxemburg, Schweiz und Österreich zu nennen, quasi nackt in den heißen Sand gesetzt. Warum musste ihm beim burkina-faseln ausgerechnet Ouagadougou einfallen?

An dieser Frage wird er noch selbst am meisten zu kiefeln haben. Hätte er nämlich nicht "Wagadugu" gesagt, sondern etwa "Ghana", er könnte sich Hilmar Kabas zum Vorbild nehmen und in bester "Hump-Dump-Lump"-Manier jeden Vorwurf brüsk von sich weisen ("'Gauner' hab ich gesagt!"). Hätte er zudem auch Ghana mit dessen Hauptstadt verwechselt und stattdessen "Accra" gesagt, mit dem Hinweis auf ein ebenso herzhaftes wie selbstgerechtes "Sakkra!" wären ihm Tür und Tor für eine Ausflucht offen gestanden. Und selbst wenn ihm in seiner Eloquenz bloß "Zaire" über die Lippen geflossen wäre ("alles irre!"), niemand in dem zentralafrikanischen Land, das sich heute "Demokratische Republik Kongo" nennt, würde ihm ernsthaft an die Gurgel wollen.

Mit "Wagadugu" hat sich Steinbrück aber all dieser Möglichkeiten selbst beraubt, ist sehenden Auges in die Wüste geritten, und es bleibt ihm nur der Trost, dass sich Stefan Raab irgendwann ein Herz nimmt und demnächst einen lustigen Song-Contest-Beitrag ("Hadde wadd in Wagadugu?") daraus zimmert. (Martin Putschögl, derStandard.at, 13.5.2009)