Istanbul/Wien - In der Türkei könnten drei Bücher mit erotischer Literatur, darunter ein Werk des weltbekannten französischen Dichters Guillaume Apollinaire (1880 bis 1918) wegen "Obszönität" auf den Index gesetzt werden. Die Entscheidung türkischer "Experten", wonach es sich bei diesen Büchern nicht um "Literatur" handelt, hat eine lebhafte Debatte ausgelöst, berichtete die türkische Zeitung "Hürriyet".

Ein Staatsanwalt hatte eine Untersuchung angeordnet, bei der festgestellt werden soll, ob es sich bei vier vom Verlagshaus Sel zu Jahresbeginn veröffentlichten Büchern um Pornografie handelt. Drei davon sind nach Meinung der beauftragten Experten keine Literatur. Den Sittenwächtern stach dabei auch Apollinaires "Die Abenteuer des jungen Don Juan" ins Auge.

Laut türkischem Strafgesetzbuch darf ein Buch erotischen Inhalts nur dann verkauft werden, wenn es sich nachweislich um Literatur handelt. Von den vier beanstandenden Büchern fand nur das 1995 erschienene Werk des zeitgenössischen spanischen Schriftstellers Juan Manuel de Prada mit dem Titel "Conos" - das Pluralwort bezeichnet weibliche Geschlechtsteile - Gnade.

Die türkische Autorin Pinar Kür, deren Bücher in der Vergangenheit die Zensoren ohne Erfolg wegen "Obszönität" verbieten wollten, zeigte sich über die Ignoranz der "Literatur-Experten" entsetzt: "Apollinaire ist so ein berühmter Schriftsteller, sogar der Mann auf der Straße kann ihn kennen". Mario Levi, Professor für französische Literatur, forderte trocken, die Rechtsexperten vorerst zu prüfen, wie viel sie von Literatur verstehen. (APA)