Peter Weinzierl: "Meinl ist offenbar die Figur, auf die sich Unmut am besten ableiten lässt."

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Es fragten Renate Graber und Bettina Pfluger.

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STANDARD: Julius Meinl will nun die Republik klagen. Warum?

Weinzierl: Das ist derzeit so nicht geplant. Meinls Anwälte prüfen derzeit die Voraussetzungen für seine Inhaftierung. Sollten sich Verhaftung und Kautionsfestsetzung als rechtlich nicht haltbar erweisen, dann kann man eine Klage gegen die Republik Österreich nicht ausschließen. Das Problem ist, dass wir nach sechs Wochen noch immer nicht volle Akteneinsicht haben. Auch das Vorgutachten des Sachverständigen Thomas Havranek liegt uns erst seit zwei Wochen vor.

STANDARD: Die Justiz ist Ihnen zu langsam?

Weinzierl: Die Anwälte sagen uns, dass es in anderen Verfahren nicht so langsam geht. Der Staatsanwalt führt das Verfahren nicht sehr kooperativ. Es stehen nur sehr viele Behauptungen und keine Beweise im Raum. Auch das Vorgutachten ist voll mit Behauptungen.

STANDARD: Sie zählen 88 Punkte auf, die im Vorgutachten nicht stimmen sollen. Täuscht der Eindruck, dass Sie den Gutachter für unfähig und voreingenommen halten?

Weinzierl: Er ist der falsche Sachverständige. Er ist für Corporate Governance, Büroorganisation, Steuerberatung und Buchführung zuständig. Das sind nicht die Themenbereiche, die man für diese Causa braucht. Gut wäre ein internationaler, am besten ein englischer Gutachter. Der verstünde auch die rechtlichen Jersey-Angelegenheiten.

STANDARD: Sie glauben, Herr Havranek kann nicht Englisch?

Weinzierl: Er versucht verzweifelt, alles unter österreichisches Recht zu subsumieren.

STANDARD: Im Strafverfahren geht es ums österreichische Strafgesetz.

Weinzierl: Ja, aber bei den sogenannten "verheimlichten" Zertifikatrückkäufen musste eben nicht wie bei einer österreichischen Aktiengesellschaft vorgegangen werden. Rückblickend betrachtet, das gebe ich aber zu, hätte man sich viel Aufregung erspart, hätte MEL das wie eine österreichische AG gemacht. Im Nachhinein ist jeder gescheiter - strafrechtlich relevant ist das aber alles trotzdem nicht.

STANDARD: Im Gutachten heißt es, Aussagen hätten ergeben, dass Julius Meinl V. das Sagen gehabt hat. Welche Rolle hat er gespielt?

Weinzierl: Er war nicht ins operative Geschäft der Meinl European Land (MEL) eingebunden. Bei Kapitalmarktaktivitäten gab es wegen der Verträge zwischen MEL und Meinl Bank natürlich einen Informationsfluss. Und weil das Unternehmen seinen Namen trägt, ist er in der Öffentlichkeit aufgetreten. Im Gutachten ist die Rede von Mails, die an ihn gingen - aber die hat Meinl nicht beantwortet.

STANDARD: Nach den MEL-Turbulenzen ist Julius Meinl jedenfalls im Fernsehen aufgetreten und hat die Anleger beruhigt. Warum hat er das dann gemacht?

Weinzierl: Wie man sieht, hatte MEL nur vorübergehend einen Imageschaden. Haften blieb er an Bank und Herrn Meinl. Daher ist es verständlich, dass er sich damals in die Öffentlichkeit gestellt hat. Dass das für die Öffentlichkeit schwer zu trennen war, ist heute auch verständlich, zumal die Kommunikation der Familie in den ersten Wochen nicht sehr gelungen war. Jetzt steht Julius Meinl an der Spitze der Causa, die Causa steht und fällt mit ihm.

STANDARD: War die Konstruktion MEL, Meinl Bank, Partly Paid Shares (PPS), Aktien und Zertifikate nicht ganz einfach zu kompliziert?

Weinzierl: Die MEL-Struktur ist klar und unkompliziert. Da gibt es die Gesellschaft mit dem Immobilienvermögen, eine Managementgesellschaft und eine Bank, die Kapitalmarktmaßnahmen organisiert. Das ist international üblich. Wobei auch ich manche Daten und Fakten, wie die genaue Funktionsweise der PPS, erst kenne, seit die Daten im Rahmen des MEL-Verkaufs im Datenraum zugänglich waren.

STANDARD: Wenn dann Gesellschaften in der Karibik und nachträglich gemeldete Wertpapierrückkäufe dazukommen: Ist das auch noch transparent und marktüblich?

Weinzierl: Das hat nur kompliziert ausgesehen und war auch nicht unüblich. Die PPS waren eine Poison Pill gegen Übernahmen. Dass MEL das nicht öffentlich erklärt hat, ist logisch, sonst wäre ja die Wirkung dieser Giftpille weg gewesen. Die Konstruktion war aber verständlich.

STANDARD: Auch für den kleinen Anleger, um den Sie mit Sparschwein und "Mündelsicherheit" der Anlage geworben haben?

Weinzierl: Es haben doch 99,9 Prozent aller Kleinanleger Beratung bekommen. Jetzt wird versucht, die Verantwortung auf die Meinl Bank abzuladen.

STANDARD: Sie haben Medien, die von MEL-Aktien geschrieben haben, Klagen angedroht. In Werbeprospekten haben Sie aber selbst von Aktien und nicht von Zertifikaten geschrieben. Ist das Klarheit?

Weinzierl: Rückblickend betrachtet hätte man das besser machen können. Aber der Unterschied zwischen Aktien und Zertifikaten ist gering. Wichtig ist die Unterscheidung nur beim Rückkauf, den man bei Zertifikaten jedenfalls ohne Beschluss der Hauptversammlung machen kann.

STANDARD: Warum hat MEL überhaupt um 1,8 Milliarden Euro eigene Papiere zurückgekauft? Hat sie vielleicht geholfen, der Meinl Bank bei sinkenden Kursen MEL-Papiere abzunehmen?

Weinzierl: Nein, die Meinl Bank hat die bei ihr liegenden Papiere über die Gesellschaft Somal abverkauft. MEL war damals auf Partnersuche, hatte genug Cash und wollte dem potenziellen Partner daher alte Aktien zuteilen. Diesen Punkt sieht übrigens auch der Gutachter so.

STANDARD: Sie sagen, Sie hätten den falschen Sachverständigen, die Justiz führe das Verfahren unkooperativ, man putze sich an der Meinl Bank ab. Sehen Sie das alles wirklich so?

Weinzierl: Das ist das Pech des Herrn Meinl: Er ist offenbar die Figur, auf die sich Unmut am besten ableiten lässt.

STANDARD: Warum soll das so sein?

Weinzierl: Weil es interessant ist für die Öffentlichkeit, das Schicksal von Herrn Meinl zu verfolgen. Und Schadenfreude ist auch dabei.

STANDARD: Und was genau werfen Sie der Justiz vor?

Weinzierl: Wir waren zuletzt sehr emotional, weil das Verfahren verzögert wurde und Einvernahmen sehr eigenartig ablaufen - anders, als man es sich in einem Rechtsstaat erwarten könnte.

STANDARD: Ist man grauslich zu Ihnen in den Einvernahmen?

Weinzierl: Zu mir nicht, zu anderen schon.

STANDARD: Sie meinen zu Herrn Meinl?

Weinzierl: Zu ihm war man grauslich, weil man ihn festgenommen hat.

STANDARD: Die MEL-Anleger haben sehr viel Geld verloren, zum Teil ihre gesamten Ersparnisse. Verstehen Sie deren Unmut gar nicht?

Weinzierl: Ich verstehe ihn. Aber schauen Sie sich andere Immobilienpapiere an, die haben auch alle verloren.

STANDARD: Aber nicht mit Sparschwein und Sparbuch geworben.

Weinzierl: Aber mit Mündelsicherheit. MEL war die letzte der Immobiliengesellschaften, die dieses Thema strapaziert hat.

STANDARD: Machen die Fehler anderer die eigenen besser?

Weinzierl: Mit dem gleichen Maß gemessen, müsste man gegen viele Manager von Unternehmen ermitteln, deren Kurse wegen Osteuropa auch abgestürzt sind.

STANDARD: Da gehen Sie jetzt aber sehr weit.

Weinzierl: Ja, aber vom Prinzip her ist es das Gleiche.

STANDARD: Welche Fehler haben Sie gemacht?

Weinzierl: Die Kommunikation zwischen MEL und den Anlegern sowie der Meinl Bank mit der Öffentlichkeit kann man kritisieren. Mich überrascht es, dass sich sehr viele Leute nicht über ihre Veranlagung informiert haben, obwohl sie das intellektuell durchaus verdaut hätten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.5.2009)