Der Zeitpunkt ist taktisch gewieft: ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon nutzt das Vakuum in der Bildungspolitik, das sich seit dem Abwehrkampf der Lehrer gegen mehr Unterricht aufgetan hat, um einen anderen, alten Abwehrkampf neu anzufachen. Es geht um die Verteidigung der Gymnasien als vermeintlich natürliches Bildungsbiotop saturierter Gesellschaftsgruppen. "Aufnahmeverfahren" sollen das Etikett "exklusiv" absichern.

Es ist der alte Ton konservativer Bildungspolitiker. Statt Bildungsexpansion und Chancengleichheit zu propagieren, wird Selektion gepredigt und einer schön abgestuften Bildungspyramide gehuldigt. Als könnte es je zu viel Bildung und zu viele Gebildete in einer Gesellschaft geben.

Von der Abschaffung der AHS-Aufnahmetests durch Fred Sinowatz profitierten besonders die Mädchen. Heute sind die wirkmächtigsten Zugangshürden bzw. Ungleichheitskategorien die soziale Herkunft und ein "Migrationshintergrund". Sie wird man mit Aufnahmetests nicht aushebeln. Die soziale (Bildungs-)Struktur würde noch stärker als durch die jetzt praktizierte Trennung mit zehn Jahren reproduziert. Abgesehen davon, dass die Prognose über die intellektuelle Leistungsfähigkeit eines zehnjährigen Kindes ungefähr so sicher ist wie die Schulzuordnung nach Sternzeichen.

Das Grundübel aber bleibt ein Schulsystem, das davon besessen ist, die "falschen" Kinder herauszufiltern und unten zu halten, anstatt ihnen nach oben zu helfen.
 (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.5.2009)