Wie steht es um das Christentum, wenn ein Heinz-Christian Strache bei einer Hassveranstaltung - Anti-Islam-Demo am Freitag - mit einem großen Holzkreuz in der Gegend herumfuchtelt? Wenn alte steirische Deutschnationale wie Andreas Mölzer plötzlich von "europäischem Erbe des Christentums" faseln? Äh, vielleicht ein kleines Distanzierungswort aus Kardinals- oder Bischofsmund fällig?

Das europäische Erbe besteht aus dem Christentum, aber auch aus der griechischen Philosophie und ihrer Entdeckung des menschlichen Individualismus, aus dem römischen Staats- und Rechtsdenken - und der Aufklärung mit der Herrschaft der Vernunft. Was Strache und Mölzer da aufziehen, ist anti-aufklärerisch zur Potenz und daher höchst gefährlich.

Der Islam, gegen den sie sich wenden, hat seine Aufklärungsbewegung noch zu einem großen Teil zu leisten - aber das ist ein Ansatzpunkt, den die Antiaufklärer ja nicht wollen. Sie wollen, dass der Islam und seine Gläubigen aus Europa verschwinden, oder genauer, sie machen ihren Wählern vor, dass das möglich ist. Das ist eine katastrophale Politik.

Niemand leugnet, dass es Integrationsprobleme mit muslimischen Mitbürgern gibt. Aber das hat relativ wenig mit dem Islam zu tun, sondern mehr mit dem türkischen Nationalismus und der Macho-Tradition, die in vielen Migrantenkulturen herrscht. Wenn sich Jugendliche und/oder Pensionisten von den Testosteron-Boys mit Migrantenhintergrund bedrängt fühlen, so spielt der Islam die geringste Rolle. Die jungen Serben und Kroaten, die Strache als "christliche Brüder" so umwirbt, bis hin zum Kontakt mit ausgesprochenen Rechtsradikalen und Kriegsverbrecherparteien, führen sich kaum weniger macho-mäßig auf. Sie sind nur weniger organisiert als die Türken und bauen keine "Moscheen" .

Wenn der türkische Staat - denn etwas anderes ist die Sozialvereinigung Atib nicht - ein Kulturzentrum baut, reden die Anrainer vom Lärm, meinen aber die Ansammlung von fremder Kultur vor ihren Fenstern, die sie nicht vertragen. In Favoriten gab es allerdings keine Schwierigkeiten, in der Brigittenau schon, weil hier die FPÖ beschlossen hat, die Bürgerinitiative zu unterwandern und zu übernehmen.

Wenn es dann Demo und Gegendemo gibt, auf der einen mit Neo-Nazis als Einsprengseln, auf der anderen mit ein paar "autonomen" Aufmischern, wird es brenzlig. Dass sich die Gewalt - und die Beteiligung - in sehr engen Grenzen hielt, ist der Unterschied zu anderen europäischen Städten wie Berlin, Antwerpen oder Paris. Aber all das ändert nichts an einem Faktum: Diese Migrantengruppen sind hier, sie werden nicht gehen und sie haben ein Recht, ihren Glauben und auch ihre Kultur zu pflegen, mitsamt Gemeindezentren, solange sie darunter nicht Zwangsehen, Bildungsverweigerung für Mädchen und Ehrenmorde verstehen.

Es gibt einen militanten Islam auch in Europa, aber es gibt einen mindestens so gefährlichen Rechtsextremismus und mit beidem muss die zivile, aufgeklärte Gesellschaft fertig werden. Das Christentum kann seinen Beitrag leisten, indem es sich deutlich äußert. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.5.2009)