Wien - Die Erzählungen des sowjetrussischen Autors Wassili Schukschin (1929-1974) sind Proben einer letztlich unzerstörbaren Widerstandskraft: In ihnen bieten kleine, von keinerlei Ideologie beleckte Sowjetbürger dem allmächtigen "System" die Stirn.

Was aber, wenn man Schukschins Prosa heute, ohne Zuhilfenahme eines weiterführenden Kommentars, auf dem Theater nachstellt? Alvis Hermanis' szenische Entfaltung von acht Prosastücken, als Festwochen-Gastspiel in die Halle G des Museumsquartiers hineingestellt, ist eine bunte Feier dörflicher Schrulligkeiten. Wir erfahren, dass die in viel zu große Stangenanzüge hineingesteckten Bewohner des sibirischen Altai-Gebirges gerne Wodka trinken und kleine Aufsässigkeiten pflegen.

Vor den vergrößerten Polaroidfotos welker Sonnenblumen und verknitterter Alltagsgesichter entblößen Schukschins Erzählungen das unabänderliche Elend der Provinz. Breschnew war gestern. Doch das Elend ist so alt wie neu; es ist postsozialistisch, und es ist vor allem unendlich hochmodern, um nicht zu sagen: exportschick.

Man möchte zum Beispiel als Dienstnehmer der Fahrbereitschaft dem zum Keifen geneigten Eheweib schöne, knitterfreie Lederstiefel schenken. Was passiert? "Die Dinger", die immerhin 65 Sowjet-Rubel kosten, passen nicht. Aber die Geste zählt!

Hermanis' Schauspielertruppe, aus Anlass des Theaters der Nationen in Moskau zusammengestellt, setzt diesen unendlich langweiligen Abend aus lauter solchen "fein" komponierten Gesten zusammen. Man sitzt auf einer Parkettspielfläche zusammen. Man spielt mit kollektiven Proben einer penetranten Väterchen-und-Mütterchen-Romantik. Man richtet die grimassierenden Gesichter streng ins Publikum und vollführt Turnproben auf einer Reihe glattlackierter Holzbänke. Man könnte dieses merkwürdige, um Zustimmung heischende Bauerntheater für trickreich erklären: Es jubelt einem episches Theater unter.

In Wahrheit sind Schukschins Erzählungen ein Fall für das Lesepult. Und, mit Blick auf eine Retrospektive des Filmmuseums, ein Fall für den Kinovorführer. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 19.05.2009)