Seoul - Ein Team von Forschern in Südkorea hat möglicherweise einen großen Fortschritt bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die weltweit grassierende Schweinegrippe - aktueller Stand: über 8.800 Infektionsfälle in rund 40 Ländern - gemacht. Sie hätten das neue Grippevirus kultiviert und daraus einen Schweinegrippe-Impfstoff gewonnen, der später billig in Massen produziert werden könnte, sagte der Teamleiter Seo Sang Heui von der tiermedizinischen Fakultät der Chungnam National Universität in der Stadt Taejon am Montag.

Tests laufen

Den entsprechenden "Standardvirus" hätten sie am 4. April, wie andere Institute in aller Welt auch, zur Entwicklung eines neuen Impfmittels von der US-Gesundheitsbehörde (CDC) erhalten. Die neue Substanz, die den menschlichen Körper gegen das Schweinegrippe-Virus A/H1N1 immunisieren soll, sei innerhalb von elf Tagen entwickelt worden. Die Wirksamkeit der Substanz sei bisher durch Tests an Zellen von Menschen und Affen nachgewiesen worden. Zu weiteren Tests werde der gewonnene Impfstoffstrang mit der Bezeichnung "CNUK-RG A/CA/4xPR/8 (H1N1)" an die US-Behörde geschickt.

"Wir wollen unsere Daten unentgeltlich Pharmaunternehmen und Forschungslabors in aller Welt zur Verfügung stellen", kündigte Seo an. Nach klinischen Tests könnte bis zum September ein vollständig entwickelter Impfstoff zur Anwendung vorliegen. Sein Team sei wahrscheinlich das erste weltweit, das solch einen Impfstoff entwickelt habe. Die Verabreichung des Vakzins könnte etwa 6.000 Won (etwa 3,50 Euro) kosten. 

Zurückhaltende Reaktion

Die staatlichen Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention (KCDC) in Südkorea äußerten sich zu den Angaben von Seo zurückhaltend. Es sei zu früh, die Entdeckung zu kommentieren, da bisher noch keine unabhängigen Tests durchgeführt worden seien, wurde ein Vertreter von KCDC von der nationalen Nachrichtenagentur Yonhap zitiert. 

WHO-Tagung

Ganz im Zeichen der Schweinegrippe steht die Jahrestagung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Experten aus den 193 WHO-Mitgliedstaaten werden von Montag an fünf Tage über Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionskrankheit beraten. WHO-Generaldirektorin Margaret Chan will Empfehlungen über die Produktion von Impfstoffen und, wie sie am effektivsten verteilt werden könnten, abgeben. Die WHO-Experten, zu deren Tagung am  Dienstag UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erwartet wird, prüfen auch die Erhöhung des sogenannten Pandemie-Alarms. Derzeit gilt die Stufe fünf - das bedeutet, dass ein weltweiter Ausbruch der Infektionskrankheit unmittelbar bevorstehen könnte.

Schwerpunkt der Epidemie sind weiterhin Mexiko und die USA. Aus New York wurde der sechste Todesfall in den USA gemeldet. Bisher starben damit insgesamt 76 Menschen an Schweinegrippe: 68 in Mexiko, sechs in den USA und jeweils einer in Kanada und Costa Rica. Besonderes Augenmerk richtet die WHO auf die Ausbreitung der Schweinegrippe in bisher weniger stark betroffenen Regionen, sagte WHO-Sprecher Gregory Hartl. Bisher wurde der überwiegende Teil der Infektionen aus Mexiko und den USA gemeldet. Einen verhältnismäßig hohen Anstieg von Infektionen registrierten am Wochenende die Gesundheitsbehörden in Großbritannien, Spanien und Japan. In allen drei Staaten stieg die Zahl der Schweinegrippekranken auf mehr als 100.

Hinderliche Pharma-Patente

Die Produktion eines Impfstoffs ist angesichts des Winters auf der Südhalbkugel von höchster Priorität. Die WHO schätzt, dass Pharmafirmen jährlich zwei Milliarden Dosen des Impfstoffs produzieren können - die ersten Lieferungen aber erst in vier bis sechs Monaten verfügbar sind. Bereits an den bisher bekannten Grippeviren sterben jährlich weltweit eine halbe Million Menschen.

Die Erklärung von Bern forderte die Regierungen des Nordens anlässlich der Konferenz in einer Mitteilung dazu auf, ihre Blockade der Verhandlungen aufzugeben und der notwendigen Vereinfachung des Zugangs zu Grippe-Impfstoffen nicht länger im Wege zu stehen. Zwar erhielten Pharmafirmen über die WHO einen kostenlosen Zugang zu Viren, die daraus entwickelten Impfstoffe würden aber mit Patenten geschützt, was den Zugang für die Entwicklungsländer erschwere. Weiter platzierten viele Industriestaaten bereits im Voraus Kaufbestellungen, was - aufgrund der beschränkten Produktionskapazitäten - den Zugang für die am meisten Betroffenen nochmals behindere. (APA/dpa)