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Heinz-Christian Strache liefert das Gesicht, sein Generalsekretär Herbert Kickl die Slogans und Sprüche zur blauen Wahlkampagne: "Ich sehe keine Kunst darin, die Dinge immer kompliziert zu machen."

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Wien - Die Pointenschleuder entpuppt sich als Langeweiler. Das Gesicht wie eingefroren, spult Herbert Kickl monotone Sätze aus dem Rhetorikbaukasten herunter. Sticheleien prallen an ihm ab, Emotionen verkneift er sich ebenso wie Anekdoten. Persönliche Fragen verebben in Standardphrasen: „Darüber reflektiere ich nicht."

Graues Sakko, weißes Hemd, Pulsuhr am Handgelenk, Nickelbrille: Kickl sieht ungefähr so bedrohlich aus wie Reinhard Mey. Und dieser Mann soll ein skrupelloser Demagoge sein? Dafür hält ihn zumindest Ariel Muzicant, den Kickls „Gehetze" an den NS-Propagandachef Joseph Goebbels erinnert. Allerdings meint der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde nicht das, was der FPÖ-Politiker selbst sagt. Sondern jene Worte, die Kickl anderen in den Mund legt.

"Wie kann einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben?": So hat Jörg Haider einmal über Muzicant gelästert. Ausgedacht hat sich diesen vielfach als antisemitisch kritisierten Satz Kickl - wie so viele andere Gags, die blaue Wähler zum Schenkelklopfen reizen. Haiders Verbalwatschen für Jacques Chirac („Westentaschen-Napoleon") entsprangen ebenso dem Hirn des 40-jährigen Villachers wie Wahlkampfslogans à la „Pummerin statt Muezzin" oder „Daham statt Islam". Auch Kickl jüngster Reim ziert Plakate: „Abendland in Christenhand".

Die „Frechheit", Themen anzusprechen, über die sich das politische Establishment nicht drübertraue, hat Kickl schon als Schüler an der FPÖ fasziniert. Über einen Kommilitonen heuerte der Philosophiestudent - die Diplomarbeit über Hegel harrt bis heute ihrer Fertigstellung - bei den Blauen an und mauserte sich zu Haiders persönlichem Referenten. Bei der Parteispaltung 2005 schlug sich Kickl dann aber auf die Gegenseite. Seither schmiert er das Mundwerk von Heinz-Christian Strache.

Kickl argumentiert den fliegenden Wechsel mit Haiders destruktiver Haltung gegenüber seinem Ziehsohn Strache; ehemalige Weggefährten glauben hingegen, der Kreativkopf habe sich zu wenig gewürdigt gefühlt. Karrieretechnisch hat sich's jedenfalls ausgezahlt: Kickl avancierte zum Generalsekretär, zuständig für Kommunikation und die Wahlkämpfe.

Als „Maschinist, der das Zusammenspiel von Hardware und Software in der Partei koordiniert", beschreibt sich Kickl nüchtern. Interessiert ihn an der Politik das Handwerk mehr als der Inhalt? „Ideologischer Freibeuter bin ich keiner", verneint er, hält aber doch Distanz zum Kernmilieu seiner Partei. Mit Haiders „Buberlpartie" konnte Kickl nie etwas anfangen, an den in der Strache-FPÖ dominanten Burschenschaften ist ihm einiges fremd. An rechtsextremen Gruppen streifte Kickl, soweit bekannt ist, nie an. Als gebürtige Waage habe er eine gewisse Spannweite, die von ordnungspolitisch rechten bis zu sozialpolitisch linken Positionen reiche, sagt er: „Ich vertiefe mich auch gerne immer wieder in marxistische Dialektik."

Wie so viel Freisinnigkeit zu Holzhammer-Sprüchen wie „Abendland in Christenhand" passe? „Ich sehe keine Kunst darin, Dinge immer kompliziert zu machen", erwidert Kickl, man könne ja nicht an jedes Plakat „einen Fußnotenapparat anhängen". Und außerdem: „Die Freiheit, sich für Gott zu entscheiden, beinhaltet auch die Freiheit, sich gegen ihn zu entscheiden. Wer unser Plakat als Ausgrenzung ansieht, hat die dialektische Pointe nicht verstanden."

Als harmlos qualifiziert Kickl naturgemäß auch jenes FPÖ-Inserat, das vor einem EU-Beitritt Israels warnt, obwohl dieser nicht zur Debatte steht. Ein Spiel mit antisemitischen Ressentiments? ÖVP-Kandidat Ernst Strasser habe sehr wohl einmal von einem Beitritt Israel gesprochen, entgegnet der blaue Werber: „Wäre es um Marokko gegangen, hätten wir das genauso inseriert." Ob er in all den Jahren schon einmal verbal danebengegriffen habe? Kickls knappe Antwort: „Nein." (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 19.5.2009)