Tschickstummel statt Hundstrümmerl: Jede Menge Zündstoff in der Innenstadt

Raucht seit 40 Jahren, indoor und outdoor: Küchenhilfe Dragan

Wer Straßen-Raucher nicht mag, ist geistesgestört oder streitsüchtig, findet der OSZE-Mann

Raucht nicht nur zum Vergnügen: Multitaskerin Canija

"Gastronomie eben": Die Spuren des Radisson-Küchenpersonals

„Aschenbecher? Die sind da eingebaut“. Der braungebrannte Mann mit dem edlen Schuhwerk zeigt auf den Kanaldeckel drei Meter weiter. Dort entsorge er stets artig seine Tschick-Stummel. Der Mann ist zufrieden: Heute scheint die Sonne im Raucherkammerl namens öffentlicher Raum. Der OSZE-Angestellte steht hier, weil „meine Organisation die Gesetze respektiert“, erklärt er.

Sportsmann

Auch im Haus vis-à-vis herrscht Respekt. Dragan, ein bulliger Typ mit grauem Kurzhaarschnitt, fummelt gerade an seinem Feuerzeug herum. „Ich rauche seit 40 Jahren“, erklärt der 54-Jährige. „Es ist nicht gesund, aber ein Sportsmann hält das aus“, erklärt der Basketballer. In Serbien spielte er zwanzig Jahre lang im Verein. In Wien hält er sich mit Geschirrabwaschen und Schnitzelpanieren fit, im Hotel Herrenhof im ersten Bezirk.

Das strengere Raucher-Regime zaubert mediterranes Lebensgefühl in Wiens Innenstadt: Auf der Straße wird nicht nur gehetzt, gehupt, Bier getrunken und wieder erbrochen, sondern seit einiger Zeit auch herumgestanden, mit verlorenem Blick, hängenden Schultern und wenig Sinn für Stress. Ob er weniger Pausen macht, seit er auf der Straße raucht? „Sicher nicht“, sagt der OSZE-Mann, der aus Ungarn kommt und in Österreich etwas vermisst: nämlich ein Verständnis dafür, dass „Rauchen eine Sucht ist, die man nicht einfach an den Nagel hängen kann“. Seine finale Zigarette hat er selber schon drei Mal geraucht. Und bald darauf die erste Ausnahmsweise-Tschick. 

Blöde Kommentare

Er selbst zeigt sich verständnisvoll: „Ich will andere Leute nicht stören“, erklärt er. Darum raucht er nur dort, wo es akzeptabel ist. Was, wenn sich jemand am Gehsteig-Qualm stößt? Die Frage ärgert den Herrn. „Meinen Sie das ernst?“, fragt er. Dann fällt ihm wieder jene Frau ein, die im Vorbeigehen einen „blöden Kommentar“ über sein publikes Rauchen verloren hatte. „Wenn einen das stört, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten“, folgert er: „Entweder, man ist geisteskrank. Oder man sucht Streit.“ Außerdem, meint der Mann, der anonym bleiben will, müsse man sich nur einmal hinter ein Auto mit angelassenem Motor legen. Und dann bitteschön schweigen. Denn er selbst fahre täglich mit der U-Bahn ins Büro. 

Gleich noch eine zweite

Zehn Meter weiter tritt ein derStandard.at-Mitarbeiter vors Haus, um sein gestresstes Nervenkostüm in Sonne und Nikotin zu duschen. Vom gemeinen Fußvolk hält er sich sonst fern: „Ich schaue nur, ob mein Motorrad noch da ist“, sagt er und blickt verträumt auf sein Renngefährt. Sonst rauche er ja lieber im beschaulichen Innenhof, der neben derStandard.at-Beschäftigten auch von der Wiener Börse bevölkert wird. "Und wenn ich schon mal da bin, rauche ich gleich eine zweite", entkräftigt der Sales-Mitarbeiter das oft vorgebrachte Argument, weite Anreisewege in die Raucherzone würden Pausenzeiten minimieren. Schließlich könne man hier auch "quatschen und sich sonnen“.

Pausen-Stress

Nicht alle gönnen sich so viel Ruhe. Eine Frau mit rosa Bluse verlässt im Stechschritt das OSZE- Gebäude. Die rechte Hand zur rechten, die linke zur linken Tasche der schwarzen Anzugshose, Zigarettenschachtel raus, schnapp, klack, paff: Der erste Zug an der zweiten Zigarette dieses Arbeitstages. Ausatmen, Griff zum Handy, gestikulär ausschweifendes Telefongespräch, bis das Postamt erreicht ist: Zigarette ausgedämpft, die handylose Hand öffnet die Tür, die Frau verschwindet im gelben Gebäude. Amtsweg frisst Bildschirmpause. 

Kein Chef

Dass die Grenzen zwischen Arbeit und freier Zeit fließend sind, weiß auch Canija. Die Reinigungsarbeiterin im Hotel Herrenhof pflegt beim Rauchen ein weißes Plastiksackerl und einen Putzlappen mit sich zu führen. In das Sackerl kippt sie dann jedes Mal den Inhalt des Aschenbechers, mit dem Fetzen poliert sie die Türklinke des Personaleingangs nach. Als ob sie eine Entschuldigung brauchte, wenn sie beim Pausieren erwischt wird. Klassengrenzen werden hier, beim Personaleingang, aber ohnehin selten überschritten. „Nein“, sagt Dragan auf die Frage, ob er manchmal mit dem Chef auf eine Zigarette gehe. Er wisse nicht, wo der Boss raucht, sofern er raucht. „Ich treffe ihn nur, wenn er mir den Dienstplan erklärt“, sagt Dragan: „Ein guter Mann.“

Eine Viertel-Zigarettenlänge weiter sind die Hierarchien flacher und der Aschenbecher voller: Beim Hinterausgang des Hotel SAS Radison Herrengasse türmen sich die Kippen. „Wir sind 60 Leute“, erklärt Mauritz Van der Lans, Sous-Chef der Hotelküche. „Und die meisten davon rauchen“, ergänzt sein Küchen-Mitarbeiter: „Gastronomie eben. Da geht es ohne Rauchen fast nicht.“ Ob Indoor-Rauchen nicht angenehmer wäre? „Im Winter schon“, sagt Van der Lans, der aber ganz andere Verhältnisse kennt: Bis vor sechs Jahren lebte er in den Niederlanden. „Dort darfst du sogar auf der Straße nur noch bei ganz bestimmten Laternen rauchen.“ Ob sich die Menschen daran halten? „Natürlich nicht.“ (Maria Sterkl, derStandard.at, 19.5.2009)