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Es begann mit einer Hausbesetzung. Das Gebäude im malerischen römischen Stadtviertel Trastevere, das rebellische Studenten 1973 besetzten, war ein verfallendes Kloster nahe der Kirche Sant'Egidio. Die von Andrea Riccardi angeführte Kommune, die dort Einzug hielt, predigte freilich eine Revolte untypischer Art. Die aus bürgerlichem Haus stammenden Studenten nutzten die Aufbruchstimmung von 1968, um für die "tägliche Praxis des Evangeliums" zu werben.

In den trostlosen Barackensiedlungen der römischen Peripherie praktizierten sie ihre "radikale Form der Nächstenliebe" und luden erstaunte Römer zum gemeinsamen Abendgebet ein. 1978 stieß der neue polnische Papst beim Besuch einer römischen Pfarre auf eine Gruppe Jugendlicher, die dort eine Tagesstätte für Kinder lediger Mütter eröffnet hatten. Ein Foto zeigt Karol Wojtyla, wie er auf einer der Kinderbänke sitzt und Andrea Riccardi zuhört. Die Verbindung zwischen dem Sohn eines liberalen Bankdirektors und dem Papst dauerte bis zu dessen Tod. Beide waren davon überzeugt, dass ohne Frieden zwischen den Religionen kein Weltfriede möglich sei. Beide teilten Riccardis Überzeugung, dass man "Türen und Fenster öffnen muss, um die Schmerzensschreie der Welt zu hören". Mit seinem simplen Motto "Niemand ist so arm, dass er dem Nächsten nicht helfen kann", scharte der pragmatische Katholik rasch ein wachsendes Gefolge um sich. Heute verfügt die Comunità di Sant'Egidio über 65.000 Mitglieder in aller Welt, und die Friedensstifter von Trastevere haben sich internationales Ansehen erworben.

Ihr beeindruckendster Erfolg war der Friedensvertrag für Mosambik, den die verfeindeten Rebellengruppen 1992 im ehemaligen Kloster in Trastevere unterzeichneten. Auch im Libanon, in Burundi, Guatemala, Uganda und im Kosovo stellten die römischen Vermittler ihr Geschick unter Beweis. Riccardi machte "die Kunst des Zusammenlebens" - so einer seiner zahlreichen Buchtitel - zum Leitfaden seiner gesamten Tätigkeit. Seine Gemeinschaft versorgt in Rom Arme, Obdachlose und Immigranten, betreibt Schulen für Roma-Kinder und kümmert sich um Alte und Kranke. In über 20 afrikanischen Ländern entwickelte sie effiziente Programme zur Aids- Bekämpfung und zur Unterstützung von Armen und Straßenkindern. Am Donnerstag wird der 59-jährige Historiker Andrea Riccardi in Aachen mit dem Karlspreis geehrt. Der angesehene Preis wird damit zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht an einen Politiker verliehen. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2009)