Die Welt bombardiert uns ständig mit einer solchen Fülle von Signalen, dass wir unmöglich alle beachten können. Über unsere Sinnesorgane registrieren wir fortlaufend Daten, von denen wir die meisten als unwichtig ausfiltern. Die Theorie der limitierten Aufmerksamkeit postuliert, dass wir, wenn unsere Aufmerksamkeit durch eine Aufgabe beansprucht wird, andere Aufgaben weniger effizient ausführen können.

Diese Zusammenhänge wurden vorwiegend an Menschen und Affen untersucht, gelten aber keineswegs nur für diese. Eine wesentliche Ablenkungsquelle für Organismen, die in Gruppen leben, stellen andere Gruppenmitglieder dar, vor allem solche, die sie nicht kennen. Sich unter Bekannten aufzuhalten, sollte also Hirnschmalz für andere Belange wie Nahrungssuche, Fortpflanzung oder Feindvermeidung freihalten und zu besseren Überlebenschancen und größerer Nachkommenschaft führen.

Diese Hypothese testen derzeit Peter Schausberger und Markus Strodl vom Institut für Pflanzenschutz, Department für Angewandte Pflanzenwissenschaften und Pflanzenbiotechnologie der Wiener Universität für Bodenkultur, im Rahmen eines FWF-Projektes. Bei den Versuchstieren handelt es sich um Milben, genauer gesagt um die Raubmilbe Phytoseiulus persimilis.

Phytoseiulus persimilis ernährt sich von pflanzensaugenden Spinnmilben. Diese erzeugen auf ihren Wirtspflanzen die namengebenden Gespinste und schaffen dadurch auffallende Kolonien. In diesen Gespinsten verläuft das gesamte Leben der Raubmilben.

Aus früheren Studien weiß Schausberger, dass seine winzigen Forschungsobjekte in der Lage sind, zwischen vertrauten und unbekannten Individuen zu unterscheiden: So fressen etwa Weibchen bei schlechter Nahrungslage gerne die Larven anderer Phytoseiulus-Weibchen, nicht aber ihre eigenen Nachkommen. Auch Geschwister verschonen einander, sofern sie im Laufe ihres Lebens einmal Gelegenheit hatten, sich kennenzulernen. Wie der Kontakt genau ablaufen muss, ist noch nicht ganz klar, Schausberger vermutet aber, dass es zu einer Berührung zwischen den Individuen kommen muss.

Der Bekanntheitseffekt hält übrigens von der ersten Larve bis zum erwachsenen Tier an - und da sind rund vier Tage bzw. zwei weitere Larvenstadien dazwischen. Doch damit nicht genug: Kommt ein Phytoseiulus-Weibchen in ein Spinnmilben-Gespinst, in dem schon die Eier eines fremden Weibchens liegen, positioniert es seine eigenen Eier näher zusammen - offenbar um sicherzustellen, dass seine eigenen Jungen sich auch wirklich kennenlernen.

Ob Raubmilben-Populationen tatsächlich besser gedeihen, wenn sie von Bekannten umgeben sind, ist auch von wirtschaftlichem Interesse: Phytoseiulus persimilis gehört zu den Arten, die weltweit am häufigsten zur biologischen Kontrolle der pflanzenschädigenden Spinnmilben eingesetzt werden. Und je mehr man über sie weiß, desto effizienter lässt sich ihr Einsatz gestalten. (strn, DER STANDARD/Printausgabe 20.5.2009)