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Eugen A. Russ.

Foto: APA/Gindl

Terence Lennox: Sie haben Vorarlberg ans Netz gebracht, dominieren dort auch den Onlinemarkt: Warum drucken Sie überhaupt noch Zeitungen?

Eugen Russ: Weil Zeitungen nachgefragt werden und wir damit gutes Geld verdienen.

Terence Lennox: Wann, glauben Sie, werden Sie Ihre Druckmaschinen abschalten? 2010 oder 2025?

Eugen Russ: Für mich nicht absehbar. Ob uns 2025 der Himmel auf den Kopf gefallen sein wird, ist für mich heute irrelevant.

Terence Lennox: Verdienen Medienunternehmen 2020 noch genügend Geld, um den Betrieb aufrecht zu erhalten und die Unabhängigkeit ihrer Mitarbeiter garantieren zu können?

Eugen Russ: Ja. Aber wir werden uns anpassen müssen.

Terence Lennox: Mit wie wenig Leuten kann man eine regionale Tageszeitung machen?

Eugen Russ: In unseren Abläufen gibt es noch viele Optimierungsmöglichkeiten. Wir werden heftig daran arbeiten, produktiver zu werden.

Terence Lennox: Könnte nicht ein Netz von Bloggern, durchaus Journalisten, gleiches leisten?

Eugen Russ: Wenn das so wäre, werden wir schnell unsere Existenzberechtigung verlieren. Ich gehe aber davon aus, dass wir doch die besseren Produkte anbieten werden.

Terence Lennox: Braucht eine regionale Tageszeitung überhaupt noch einen Hauptstadtredakteur?

Eugen Russ: Solange viele Entscheidungen noch in Wien fallen, werden wir die Redaktion aufrecht erhalten.

Terence Lennox: Braucht das überregionale Blatt eines kleinen Landes überhaupt noch Auslandskorrespondenten?

Eugen Russ: Nein. Jedenfalls nicht hauptberuflich.

Terence Lennox: Wie sieht das Vorarlberger Medienhaus 2020 aus?

Eugen Russ: Wir werden hoffentlich für unsere Kunden bessere Ergebnisse zum kleineren Preis liefern.

Terence Lennox: Und wie ist 2020 Ihre gesamte Mediengruppe von der Schweiz bis zur Ukraine aufgestellt? Bringen Tauschbörsen für Tiere, Gebrauchtmaschinen und Singleplattformen das Geld, das Journalisten finanzieren kann - und wenn, welchen?

Eugen Russ: Wahrscheinlich. Wir arbeiten heftig daran. Die Kleinanzeigenunternehmen finanzieren nicht den Journalismus. Unsere Redaktionen werden sich selbst rechtfertigen müssen. Ständige Subventionen anderer Unternehmensteile schließe ich aus.

Terence Lennox: Welcher Bereich bringt in diesem Szenario für Ihre Mediengruppe den meisten Umsatz, und welcher Bereich wird der Gewinnträchtigste sein?

Eugen Russ: 2020? Weiß ich nicht. Gefühlt alle digitalen Bereiche, mit denen wir eine unverkennbar eigenständige Leistung für unsere Kunden erbringen.

Terence Lennox: Warum erfährt man von Ihnen eigentlich keine wirtschaftlichen Daten über Ihre gesamte Mediengruppe?

Eugen Russ: Weil wir ein privates Unternehmen sind.

Terence Lennox: Was ging bei einem modernen, journalistisch sauberen Produkt wie ".CH" schief? (Schweizer Gratiszeitung, an der Russ und andere österreichische Medienmacher beteiligt waren)

Eugen Russ: Weil der Himmel über die Gratiszeitungen eingebrochen ist. Metro wurde an der Börse vor 12 Monaten noch mit über 1 Milliarde EURO gehandelt. Heute können Sie 17 marktführende Zeitungen mit 350 Mio. EURO Umsatz um 25 Mio. EURO kaufen. Jedes weitere Investment in Gratiszeitungen außerhalb von Metro wird damit schwer zu rechtfertigen.

Terence Lennox: Wird die Tageszeitung "Österreich" das Schicksal von ".Ch" erleiden? Sehen Sie ein Zukunftsszenario für die Zeitung (und welches)?

Eugen Russ: Die Entscheidung in der Schweiz musste ich mit treffen. In Österreich bleibt sie mir zum Glück erspart.

Terence Lennox: Die WAZ (Krone/Kurier) steht vor dem Rückzug aus dem österreichischen Medienmarkt: Ihr Szenario für eine österreichische Zeitungsbranche, womöglich in der Hand ausschließlich heimischer Verleger?

Eugen Russ: Denkbar.

Terence Lennox: Wird nach Ihrer Einschätzung Gruner + Jahr (News-Gruppe) dem Beispiel der WAZ folgen? Und was bedeutet das für die Branche?

Eugen Russ: Warum sollte G+J den Markt aufgeben? Es müsste sich ja erst ein Käufer dafür finden. Damit sind zu viele Variable im Spiel, um Prognosen für den Markt abzugeben.

Terence Lennox: Können Sie sich erklären, warum die Krise in Österreich bisher nicht zur Einstellung von Medien geführt hat? Medien, die in Deutschland längst eingestellt werden.

Eugen Russ: Wir haben die Krise noch nicht erlebt. Es geht uns ja allen noch relativ gut, wenn Sie dazu die Entwicklungen in USA und UK vergleichen.

Terence Lennox: Angenommen, die klassischen Verlagshäuser können die Krise ihrer Medien nicht bewältigen? Bedarf es dann eines öffentlich-rechtlichen Modells für Zeitungen und Zeitschriften, also öffentlicher Finanzierung?

Eugen Russ: Nein. Wir werden das aus eigener Kraft schaffen.

Terence Lennox: Erfüllt der Journalismus in Österreich noch seine Rolle als Vierte Gewalt im Staat?

Eugen Russ: Ja. Wir lernen alle, produktiver zu werden. Dass wir dieses Interview per E-Mail führen, erspart dem STANDARD Zeit und Geld. Gratuliere.

Terence Lennox: Wird es die New York Times als Tagezeitung nächstes Jahr noch geben?

Eugen Russ: Ja, auch wenn die amerikanischen Kollegen hart am Niedergang der Zeitungen arbeiten, wird es ihnen in dieser kurzen Zeit nicht gelingen. (Terence Lennox, derStandard.at, 20.5.2009)