Bild nicht mehr verfügbar.

Auf der Flucht: Ein Mädchen aus dem Swat-Tal im Nordwesten Pakistans lebt mit seiner Familie in einem Camp des UN-Flüchtlingshilfswerks. Mehr als 1,7 Millionen Menschen wurden vertrieben.

Foto: Reuters/Mahmood

Bild nicht mehr verfügbar.

Die pakistanische Armee organisierte am Freitag eine Pressereise auf den Berg Banai Baba Ziara, der kurz davor erobert worden war.

Foto: epa

Islamabad/Teheran - Die pakistanischen Regierungstruppen sehen die Taliban im umkämpften Swat-Tal am Rande einer Niederlage. Als Beleg dafür galt vor allem eine Erklärung der Islamisten vom Montag, in der sie ankündigten, die Regierungstruppen in der Hauptstadt des Swat-Tals, Mingora, nicht mehr angreifen zu wollen, um Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Weiter hieß es jedoch auch, dies sei ein langer Kampf und die Taliban würden ihn fortsetzen, bis ein islamisches System durchgesetzt sei.

Durch die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Taliban im Nordwesten Pakistans sind innerhalb eines Monats mehr als zwei Millionen Menschen in die Flucht getrieben worden. 2,38 Millionen Flüchtlinge seien seit Beginn der Armee-Offensive in den Bezirken Swat, Unter-Dir und Buner Ende April registriert worden, teilte eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) am Montag in Islamabad mit. Sie bezog sich nach eigenen Angaben auf Zahlen der Provinzregierung der Nordwestprovinz. Informationsminister Qamar Zaman Kaira sagte, die Zahl der Flüchtlinge sei noch nicht "endgültig". Laut UNHCR flüchteten allein in den vergangenen drei Tagen 700.000 Menschen aus der Region.

MQM versus Paschtunen

In der Metropole Karachi schlossen unterdessen laut Augenzeugen mehrere Geschäfte, nachdem Nationalisten wegen des Flüchtlingszustroms aus dem Nordwesten zu einem Streik aufgerufen hatten. Ein Motiv der aus dem Nordwesten kommenden Paschtunen sei auch, die ursprüngliche Bevölkerung in der Provinz Sindh zu "marginalisieren", erklärte die Bewegung Jeay Sindh Qaumi Mahaz (JSQM), die sich für die Belange der Menschen in der im Süden gelegenen Provinz Sindh einsetzt. "Dagegen werden wir Widerstand leisten", sagte JSQM-Chef Abdul Wahid Aresar.

In jüngster Zeit kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der Urdu-sprechenden Bewegung MQM, einem Koalitionspartner der Volkspartei von Präsident Asif Ali Zardari, und Paschtunen aus der Grenzprovinz zu Afghanistan, die sich auf der Suche nach Arbeit in Karachi niedergelassen haben. Nach Angaben von Einwohnern Karachis flüchteten bisher nur wenige Menschen aus dem Nordwesten Pakistans nach Karachi. Die meisten kamen demnach bei Angehörigen unter.

Angriff auf Taliban-Hochburg

Die pakistanischen Regierungstruppen haben sich in ihrer Offensive gegen die Taliban im Nordwesten des Landes am Wochenende auf die 300.000-Einwohner-Stadt Mingora im Swat-Tal konzentriert. Mit der Rückeroberung Mingoras träten die Kämpfe in eine entscheidende Phase ein, teilten Armeevertreter am Sonntag mit. In Teheran berieten die Präsidenten des Iran, Pakistans und Afghanistans über Fragen der regionalen Sicherheit.

Straße für Straße drängten pakistanische Truppen seit Samstag die Taliban in der strategisch wichtigen Stadt zurück. Die Armee kontrolliere nun wieder wichtige Teile Mingoras und drei große Plätze, sagten Armeesprecher. Im Stadtteil Nawa Kilay und im Vorort Qambar gebe es weiter Straßen- und Häuserkämpfe. In anderen Vierteln räumten Sicherheitskräfte Minen. Eine über Mingora verhängte Ausgangssperre blieb in Kraft.

Mit dem Kampf um Mingora hat nach Einschätzung von Militärs und Experten die kritische Phase der Offensive begonnen. Die Hauptstadt des Swat-Tals sei "von psychologischer Bedeutung" , sagte Sicherheitsexperte Ikram Sehgal. "Ein Sieg dort wird den Sicherheitskräften großen Auftrieb geben." Die radikalislamischen Taliban haben die Stadt seit einem halben Jahr unter ihrer Kontrolle.

Flüchtlingswelle rollt

Sorge bereitete nach wie vor das Schicksal von zehntausenden von Flüchtlingen in Mingora. Laut Armee waren noch zwischen 10.000 und 20.000 Zivilisten in der umkämpften Stadt eingeschlossen. Seit Beginn der Kämpfe vor rund vier Wochen im Distrikt Lower Dir flohen mehr als 1,7 Millionen Menschen vor den Kämpfen. Nach Angaben der Sicherheitskräfte stehen den rund 15.000 Soldaten im Swat-Tal 1500 bis 2000 bis zum Letzten entschlossene Aufständische gegenüber.

Auch in den südlich der Swat-Region gelegenen Stammesgebieten Nord- und Süd-Wasiristan sind nach Angaben von Behördenvertretern tausende Menschen auf der Flucht. Dort bombardieren die Sicherheitskräfte in drei Bezirken seit rund einem Monat Taliban-Stellungen. Der Informationsminister der Nordwestprovinz, Iftikhar Hussain, sagte, die Flüchtlinge strömten in die Nachbarbezirke Bannu und Dera Ismail Khan. Nach jüngsten Berichten über Pläne von Präsident Asif Ali Zardari, die Offensive auf Wasiristan auszudehnen, geht dort die Angst um. Zardaris Regierung hatte in den vergangenen Monaten noch eine Reihe von Waffenstillstandsabkommen mit Extremistengruppen geschlossen, die den Taliban nahestehen.

Zur Bewältigung der Flüchtlingskrise hatten die Vereinten Nationen die Staatengemeinschaft am Freitag um mehr als eine halbe Milliarde Dollar Unterstützung gebeten. Größe und Geschwindigkeit der Flüchtlingswelle seien "außergewöhnlich" . Die Regierung in Islamabad hat angekündigt, die Operation bis zur vollständigen Vertreibung der Extremisten aus dem Norden Pakistans fortzusetzen.

In Teheran berieten am Sonntag erstmals die Präsidenten Irans, Afghanistans und Pakistans gemeinsam über die Sicherheit, den Antidrogenkampf und die Wirtschaftslage in der Region. Neben wirtschaftlichen und kulturellen Problemen bedrängten die drei Länder solche, "die uns von außen auferlegt werden" , sagte der iranische Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad. Dazu gehörten "Interventionen" ausländischer Truppen und der "Extremismus" fundamentaler Gruppierungen in Afghanistan und Pakistan. Die drei Länder litten außerdem unter dem Drogen- und Menschenhandel. (AFP, dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 25.5.2009)