Mit katholischer Strenge ging der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn beim Hochamt im überfüllten Stephansdom gegen die Wahlkampfmethoden der FPÖ vor.

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Der Slogan „Abendland in Christenhand" und das Kreuz als Requisit beim Stimmenfang: Am Donnerstag, zu Christi Himmelfahrt, kanzelte Christoph Kardinal Schönborn den Wahlkampf der Freiheitlichen ab.

Wien – Der Kardinal schwenkt vor dem Altar sein rauchendes Weihrauchfass. Die Gläubigen erheben sich allesamt andächtig von den Bänken. Vom hinteren Kirchenschiff her donnert die Orgel durch den überfüllten Stephansdom.

Donnerstagvormittag feiert das katholische Wien Christi Himmelfahrt. Mit einem Offertorium von Franz Schubert, preisenden Psalmen und inbrünstigen Dankgesängen an Gott, den Herrn und Heiland. Nach einer halben Stunde erhebt Christoph Kardinal Schönborn, der dem Hochamt bis dahin meist mit halb geschlossenen Augen gefolgt ist, das Wort. „Liebe Gläubige", sagt er, „ich bitte um Verständnis, wenn die Predigt heute etwas länger und politisch ist."

Straches Kreuz im Wahlkampf

„Eine politische Gruppierung", erläutert der Erzbischof, ohne die FPÖ explizit zu nennen, werbe zur Zeit mit den Worten „Abendland in Christenhand" für die Europa-Wahlen. Was er auch nicht ausspricht: dass deren Obmann Heinz-Christian Strache unlängst ein Kreuz als Wahlkampfrequisit verwendet hat, um es einer Menschenmenge beschwörend entgegenzuhalten.

Schönborn nutzt seine Rede zunächst dafür, um zu erklären, welchen Weg Jesus Christus für den katholischen Missionsauftrag vorgesehen und was es mit dem Symbol der Kirche auf sich hat. Ja, das Christentum sei missionarisch, predigt Schönborn, und ja, auch andere Religionen wie der Islam „breiten sich aktiv aus". Und nocheinmal ja, „auch wir", die Christen, haben das Kreuz „gebraucht und missbraucht", räumt der oberste Kirchenmann Wiens ein. Aber: Jesu Methode sei „das nicht gewesen. Er wollte die Herzen und die Vernunft der Menschen ansprechen." Und überhaupt, das Kreuz sei ein Symbol „der ausgebreiteten Arme von Jesus. Sein Kreuz ist alles andere als ein Machtsymbol. Es ist das Zeichen der Liebe, die bis zum Letzten geht."

Erst da richtet sich Schönborn ganz offensichtlich an die blauen Wahlkämpfer: „Und dieses Zeichen", erklärt er eindringlich, „darf daher nicht politisch missbraucht werden gegen andere Religionen, gegen andere Menschen."

Eine studierte Theologin in der ersten Reihe nickt zustimmend. „Stimmt, Politik ist nicht dazu da, um die Menschen gegeneinander auszuspielen. Niemand darf das Kreuz dazu benützen, um andere unten zu halten."

Dann erklärt der Kardinal, an welches Abendland er glaubt. „Ja, ich wünsche mir ein christliches Europa." Eines, das sich die Seligpreisungen Jesu zu Herzen nehme. „Selig die Armen, selig die Frieden stiften, selig, die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit ...", betet Schönborn.

Auch auf die Wirtschaftskrise geht der Erzbischof ein. „Denn nur im Miteinander werden wir die schwierigen Zeiten meistern." Er appelliert für einen „christlich inspirierten Umgang mit den Fremden. Dazu gehören auch die Immigranten, die wir bei unserer niedrigen Geburtenzahl brauchen, um unser Sozialsystem zu erhalten." Fast im selben Atemzug beklagt der Geistliche die „Kinder, die in diesem Land nicht leben dürfen", als „Wunde". Schönborn meint den Schutz des ungeborenen Lebens, den er als strikter Abtreibungsgegner immer wieder einmahnt.

Zu guter Letzt nimmt der Kardinal auch noch die rot-schwarze Regierung in die Pflicht. Seit Wochen, erzählt er, bitte er darum, dass das Land Christen aus dem Irak Schutz gewähre, wo doch Deutschland bereits 2000 dieser Menschen aufgenommen habe – bisher jedoch ohne Erfolg. „Ich wünsche mir ein Abendland", schließt Schönborn, das einen tiefen christlichen Glauben hat". Denn: „Ohne den Glauben an Gott sind wir orientierungslos, sind wir rettungslos. Ein glaubensloses Land ist verdammt. Deshalb glaubt an Gott! Glauben wir an seine Liebe. Amen."

Drei Stunden später reagiert FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl, Straches professioneller Slogan-Macher, auf Schönborns Strafpredigt. Er ortet „eine Vernaderungskampagne gegen die FPÖ". Ziel der „Verdreher und Untersteller", erklärt Kickl, sei keine ehrliche Debatte über die Fragen einer Leitkultur. Sondern jene zu verteufeln, „die vor den Bedrohungen für unser Gesellschafts- und Menschenbild warnen und nicht wollen, dass wir diese verlieren". (Nina Weißensteiner/DER STANDARD, Printausgabe, 22.5.2009)