Deutlich erhöhtes Verkehrsaufkommen herrschte in den vergangenen Tagen im deutschen Bundestag. Da eine geheime Sitzung, dort ein konspiratives Treffen im Flüsterton. Offiziell heißt es natürlich, dass alle 1224 Wahlmänner und Wahlfrauen morgen, Samstag, in geheimer Wahl über das neue Staatsoberhaupt entscheiden - und dass es allen Beteiligten selbstverständlich um die "Würde des Amtes" geht.

Doch es sind hauptsächlich Politiker, die ihre Entscheidung treffen, und deshalb sind auch jede Menge machtpolitischer Ränkespiele am Laufen. Bekommt Amtsinhaber Horst Köhler tatsächlich alle Stimmen aus dem bürgerlichen Lager? Zieht die Linke ihren Kandidaten schon nach dem ersten Wahlgang zurück? Wer fällt um?

Ein Ereignis mit Seltenheitswert ist es auf jeden Fall, wenn die Bundesversammlung am Samstag zusammentritt. Denn dieses Gremium hat nur einen Zweck: Alle fünf Jahre das neue Staatsoberhaupt zu wählen. 612 Wahlleute sind Bundestagsabgeordnete, 612 Delegierte der Länderparlamente - gemäß deren Zusammensetzung.

Um das Volk nicht ganz auszuschließen, nominieren die Parteien auch prominente Wahlleute: Kabarettist Ottfried Fischer wählt für die SPD Gesine Schwan, Boxweltmeisterin Regina Halmich hingegen gibt im Namen von CDU/CSU ihre Stimme für Köhler ab.

Und über allem schwebt bis Samstagnachmittag die eine Frage: Wer schafft es wie? 613 Stimmen sind im ersten Wahlgang erforderlich. Köhler hätte seine zweite Amtszeit sofort in der Tasche, wenn CDU/CSU, FDP und die Freien Wähler (aus dem bayerischen Landtag) geschlossen für ihn stimmen. Sie alle zusammen kämen auf die hauchdünne Mehrheit von 614 Stimmen. Mehrmals tönte in den vergangenen Tagen aus diesen Reihen schon das Signal: Wir stehen geschlossen hinter Köhler.

Schwan bräuchte zu allen Stimmen von SPD, Grünen und Linken noch zehn "Umfaller" aus dem bürgerlichen Lager. Sie ist sicher, diese zu bekommen. Denn 2004, als Köhler und Schwan zum ersten Mal gegeneinander antraten, verweigerten auch zehn Wahlleute von Union und FDP Köhler die Stimme und votierten lieber für die Politologin von der politischen Konkurrenz. Und damals wie heute gilt: In der Wahlkabine ist letztendlich jeder unbeobachtet. (bau/DER STANDARD, Printausgabe, 22.5.2009)