Wien - "Ich bin kein Mensch, der in einem Wahlkampf plötzlich seine Meinung ändert", sagt Othmar Karas. Der ÖVP-Europaparlamentarier steht im Gespräch mit dem Standard deshalb zu seiner nicht überall populären Position: "Ich bin dagegen, die Beitrittsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei abzubrechen."

Karas, Nummer zwei der ÖVP bei den Europawahlen, widerspricht damit dem "eigenen" Spitzenkandidaten Ernst Strasser. Dieser forderte am Freitag einen Stopp der Beitrittsverhandlungen, weil es dafür "keine Geschäftsgrundlage im Sinne einer Zustimmung der Bevölkerung" gebe. Klipp und klar sprach sich Strasser dafür aus, "dass es diese Verhandlungen nicht mehr geben kann, solange sich die Dinge nicht grundsätzlich geändert haben".

Karas, der die ÖVP im Europaparlament bisher anführte, kann mit dieser Haltung nichts anfangen: "Ich bin immer dagegen, Türen zuzuschlagen." Zwar seien die Verhandlungen "im Stocken, weil derzeit weder die Europäische Union aufnahmefähig, noch die Türkei beitrittsfähig ist", sagt der schwarze Politiker: "Die Gespräche sollen aber weitergeführt werden, weil sie den Reformprozess in der Türkei in die richtige Richtung unterstützen. Eine positive Entwicklung ist auch im Interesse der EU."

Erst in zehn bis 15 Jahren erwartet Karas ein Ergebnis, ob die Gespräche "überhaupt finalisiert werden können". Er selbst glaubt eher an gemeinsame Projekte zwischen der EU und der Türkei denn an einen Vollbeitritt. Unzulässig sei aber, "das Endprodukt zum jetzigen Zeitpunkt vorherzusagen".

Strassers Wortmeldung versetzte nicht nur Parteifreunde, sondern auch die (rechte) Opposition in Unruhe. Die FPÖ versicherte, noch viel radikaler gegen die Türkei aufzutreten, als die "Pharisäer-Partei" ÖVP. Das BZÖ zitierte genüsslich aus dem schwarzen Wahlprogramm, in dem von offenen Verhandlungen die Rede ist.

Ist die ÖVP nun für oder gegen Beitrittsverhandlungen mit der Türkei? "Meine Position ist jene des ÖVP-Klubs im Europaparlament", stellt Karas klar: "Ich muss erst mit Strasser reden, was er mit seinen Aussagen gemeint hat." (Gerald John / DER STANDARD-Printausgabe, 23./24. Mai 2009)