Islamabad/Wien - Erst seitdem sich pakistanische Regierungstruppen und Taliban Schlachten liefern, ist das pakistanische Atomwaffenprogramm ein Thema geworden. Von Experten wird die Gefahr, dass Extremisten die pakistanischen Atomwaffen unter ihre Kontrolle bringen, eher als gering angesehen - mit Ausnahme des Falls, dass Teile der pakistanischen Armee zu ihnen überlaufen. Außer Frage steht jedoch, dass Pakistan, ungeachtet aller seiner politischen und sozialen Probleme, sein Atomwaffenprogramm weiter ausbaut.

Laut dem Institute for Science and International Security (Isis) in Washington ist das pakistanische wahrscheinlich das am schnellsten wachsende A-Waffenprogramm der Welt. Jedenfalls lässt der durch Satellitenfotos dokumentierte Ausbau der pakistanischen Atomanlagen diesen Schluss zu.

Schätzungen zum pakistanischen Waffenarsenal kreisen heute meist um die Zahl 80 (sie reichen von 50 bis 150 Bomben). Das Programm wurde Anfang der 1970er Jahre von Zulfiqar Ali Bhutto (d. i. der Schwiegervater von Präsident Asif Ali Zardari, Witwer von Benazir Bhutto) gestartet, der indische Atombombentest von 1974 gab ihm Auftrieb. 1998 testete Pakistan sechs Bomben. Der in Pakistan als Nationalheld gefeierte "Vater" der pakistanischen Atombombe, A. Q. Khan, verkaufte da schon seit Jahren heimlich Atomwaffentechnologie an Staaten wie Iran, Libyen und Nordkorea.

Die USA beschäftigt heute einerseits die Sorge um die Sicherheit der pakistanischen Waffen vor Extremisten: Angeblich läuft bereits des Längeren ein US-Programm, in dessen Rahmen Pakistan Assistenz beim Schutz für die Bomben zuteilwird. Allerdings kann dieses Programm nur schwer evaluiert werden, denn der nötige Zugang zu Pakistans Waffen bleibt den US-Beratern natürlich verwehrt.

Aber auch der Ausbau des Waffenprogramms macht Sorgen - und verärgert den US-Kongress, der über eine Militärhilfe von 3 Milliarden US-Dollar über fünf Jahre befinden muss (abgesehen von einer nichtmilitärischen Finanzhilfe von 7,5 Milliarden). Die USA befürchten, so meldet die New York Times, dass Islamabad eine US-Finanzspritze für Pakistans Militär dazu nützen könnte, eigenes pakistanisches Geld ins Atomprogramm umzuleiten, das unter Finanzdruck steht. Das Atomprogramm ist auch ein großer Arbeitgeber für zehntausende Wissenschafter und Techniker, davon viele hunderte mit "kritischem" Wissen - das heißt, dass sie finanziell bei der Stange gehalten werden müssen, will man sicher sein, dass sie ihre Expertise nicht anderen verkaufen.

Laut Isis, das das zugehörige Satellitenmaterial ins Internet gestellt hat, arbeitet Pakistan sowohl am Ausbau seiner Urankapazität als auch an einer Ausweitung der Plutoniumproduktion. Am Standort des ersten pakistanischen plutoniumproduzierenden Reaktors in Khushab entstehen zwei weitere Reaktoren, die nach Fertigstellung jährlich genügend Plutonium für acht bis zehn Bomben liefern könnten (der Standard berichtete bereits im September 2008). Vor kurzem veröffentlichte Isis einen ausführlichen Bericht über den Ausbau der pakistanischen uran-relevanten Anlagen, wobei es laut Isis nicht ganz sicher ist, ob Pakistan das Uran für neue Waffen oder als Brennstoff für den Betrieb der Reaktoren in Khushab braucht.

US-Präsident Barack Obamas Forderung nach einem Fissile Material Cut-off Treaty (FMTC), der die unkontrollierte Produktion spaltbaren Materials stoppen soll, wird da jedenfalls ins Leere gehen - und die USA werden auch Pakistans Militär weiter unterstützen. Trotz eines nüchternen Blicks auf die Realität: Bei einem Hearing des Senate Armed Service Committee vor zehn Tagen wurde Generalstabschef Admiral Mike Mullen folgende Frage gestellt: "Haben sie Hinweise darauf, dass Pakistan dabei ist, sein Atomprogramm zu vergrößern, genauer: Waffensysteme und Sprengköpfe aufzustocken?" Die Antwort des Admirals fiel kurz und bündig aus: "Ja." (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2009)