Bernhard Kohl hat viel erlebt. Dritter Platz und Bergtrikot bei der Tour de France, radeln mit dem Landeshauptmann in Niederösterreich, Ehrung mit dem Goldenen Rathausmann in Wien, positive Dopingtests, tränenreiches Geständnis, polizeiliche Einvernahmen, lange Sperre. Nicht übel für einen mittlerweile 27-jährigen gelernten Rauchfangkehrer aus Wolkersdorf. Warum Kohl gedopt hat, liegt auf der Hand. Er hatte gar nichts zu verlieren und sehr viel zu gewinnen. Ein Millionenvertrag war schon unterschrieben, Rauchfang kehren kann er immer noch - wenn sich nicht so oder so einträglichere Geschäfte auftun.

Kohls Geschichte ähnelt jener der Triathletin Lisa Hütthaler. Diese war weniger erfolgreich, aber genauso gedopt und tränenreich geständig, und dann gab's da noch die versuchte Bestechung einer Dopinglabor-Mitarbeiterin. Nach Hütthaler trat nun auch Kohl öffentlichkeitswirksam zurück, als wäre er nicht schon gesperrt. Wie Hütthaler schließt er ein Comeback aus. Mit einem "System, in dem du ohne Doping nicht gewinnen kannst", will er nichts mehr zu tun haben, stattdessen Vorträge halten, sich der Doping-Prävention und -Aufklärung widmen, Radcamps organisieren.

Da lachen, mit Verlaub, die Hühner. Welche Eltern würden ausgerechnet ihm und also dem System, in dem du ohne Doping nicht gewinnen kannst, ihre Kinder ausliefern? Dann bitte lieber doch irgendwann ein Comeback mit großem Tamtam! Der Rücktritt vom Rücktritt wäre zwar wieder nervend, aber vergleichsweise ein Kavaliersdelikt. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe, 26.5.2009)