David Cameron hat sich offenbar dazu entschlossen, voll in den Wahlkampf einzusteigen - ermutigt durch jüngste Umfragen, wonach zwei Drittel der Wähler in Großbritannien für Neuwahlen sind. Das mag verständlich sein. Aber es ist der falsche Zeitpunkt. Und entbehrt nicht einer gewissen Absurdität: Der britische Oppositionsführer will nächster Premier werden - und verspricht schon einmal, sich selbst zu entmachten. Zugunsten jenes Gremiums, das im Zentrum des Skandals steht: des Parlaments. Die Macht radikal umverteilen und sie dem kleinen Mann zurückgeben - Populismus eines Regierungschefs in spe, der seit Monaten in den Startlöchern steht.

Zu Recht werden Rufe nach einer gründlichen politischen Reform laut. Die politische Welt in Großbritannien steckt in ihrer tiefsten Krise seit Jahrzehnten. Doch first things first. Noch immer kommen neue Enthüllungen ans Licht, die ganze Dimension des Skandals ist noch gar nicht bekannt. Das muss aufgearbeitet werden, bevor man sich über grundlegendere Änderungen des Regierungssystems unterhalten kann. Das kann der angeschlagene Premier Brown noch leisten. Dafür darf er sich das Heft aber nicht aus der Hand nehmen lassen, weder von seinem konservativen Widersacher noch von Schwergewichten in den eigenen Reihen.

Dass Brown einmal mehr den Eindruck eines angezählten Boxers vermittelt, hat er sich selbst zuzuschreiben. Im Gegensatz zu ihm hat Cameron für sein Vorgehen gegen Spesensünder aus der eigenen Partei einiges Lob erhalten. Und die nächste große Schlappe für Brown ist jetzt schon absehbar: Die Europawahlen werden seiner Labour-Partei sicher ein miserables Ergebnis bescheren. (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2009)