Drogentherapie à la Vater Branislav: zehn schwere Hiebe mit der Schaufel, danach Faustschläge und Tritte, bis der "Patient" ohnmächtig unter den Ikonen an der Wand kollabiert

Videostandbilder: www.vreme.com
Videostandbilder: www.vreme.com

Ein wegen brutaler "Heilpraktiken" in Verruf geratener Leiter eines serbisch-orthodoxen Rehabilitationszentrums ist am heutigen Mittwoch von der Kirchenführung abgesetzt worden. Branislav Peranovic soll Patienten verprügelt haben. Der Kirchensynod forderte daraufhin den Bischof von auf, das Zentrum zu schließen. Der Bischof widersetzte sich dieser Aufforderung, setzte nun aber zumindest Peranovic ab

Ein Mann bückt sich über einen Tisch. Ein anderer nimmt eine Schaufel und schlägt zu. Er versohlt mit voller Wucht den Hintern des Liegenden. Das Opfer stöhnt und schreit, sein Körper zuckt. Nach zehn Hieben wird die Schaufel weggelegt – aber die Tortur geht weiter. Der Mann mit der Schaufel schlägt seinem Opfer ins Gesicht. Zuerst mit der offenen Hand. Dann kommt er in Fahrt: Mit Fäusten, Ellbogen und Knien bearbeitet er systematisch und routiniert den Kopf des Wehrlosen, bis der nicht mehr stehen kann. Ein dritter Mann hebt ihn auf und drückt ihn an die Wand. Die Brutalitäten gehen weiter – bis der Mann in Weiß ohnmächtig zu Boden fällt. Im Hintergrund hängen Ikonen an der Wand. Serbisch-orthodoxe Heilige, Jesus und Maria.

Diese mit einer Handykamera aufgenommene Szene ereignet sich in dem "Geistlichen Rehabilitationszentrum" für Drogensüchtige auf dem Gelände des serbisch-orthodoxen Klosters Crna Reka ("der schwarze Fluss") bei der Stadt Novi Pazar. Dem Magazin Vreme wurde das Video zugespielt – und löste, als es auf www.vreme.com veröffentlicht wurde, enormes Aufsehen in Serbien aus. Denn das sadistische Spiel ist Teil der gebräuchlichen Behandlungsmethoden dieser christlichen Institution. Frei nach dem serbischen Sprichwort: "Der Knüppel ist aus dem Paradies gekommen."

Der Leiter des Zentrums, Pfarrer Branislav Peranoviæ, versuchte gar nicht zu dementieren: Die Szene auf dem Video sei zwar übertrieben, und es könne in diesem Fall Konsequenzen geben. Aber Junkies bräuchten eben Disziplin. Und physische Bestrafungen seien ab und zu notwendig, so der Pater.

Alle Schützlinge der Heilanstalt und ihre Eltern hätten überdies einen Vertrag unterschrieben, in dem sie sich mit den Methoden des Institutes einverstanden erklären. Von Prügeln mit Schaufel, Ketten, Eisenstangen (von denen andere Zeugen berichten) steht da allerdings nichts.

Vater Branislav sprach im Belgrader TV lieber über anderes: Von den "armen Eltern", die von ihren Kindern schikaniert würden etwa. Er rühmte sich, über eintausend Patienten binnen vier Jahren "mit großem Erfolg" im Rehabilitationszentrum behandelt zu haben. Der Pfarrer kam in einem schwarzen Jeep und mit Leibwächtern in die Hauptstadt und wurde vor dem Studio mit Ovationen von Mitgliedern rechtsnationalistischer Organisationen und einigen Ex-Patienten begrüßt.

Der Staat reagierte prompt. Das Gesundheitsministerium sandte eine Kommission in das Rehabilitationszentrum. Obwohl der gelernte Landwirt Branislav, als "Oberarzt" zuständig für die Therapie der "Patienten" ist, fand die Kommission keinen Grund zur Strafanzeige. Obwohl die Eltern der Drogensüchtigen rund 300 Euro – ein monatliches Durchschnittseinkommen – meist bar zahlten, kann er auch wegen Steuerhinterziehung nicht angeklagt werden: Das Zentrum arbeitet als humanitäre Organisation. Es braucht keine Genehmigung des Gesundheitsministerium. Die Synode der serbisch-orthodoxen Kirche setzt sich nun – nach vier Jahren – aber für die Schließung der Institution ein.

Ob Pfarrer Branislav trotz der schweren Übergriffe davonkommt, ist noch offen. Zwar kamen alle Patienten freiwillig in das Zentrum, doch danach sorgen Wachpersonal und ein halbes Dutzend Kampfhunde dafür, dass sie nicht mehr rauskommen – und die Eltern für die "Behandlung" weiterzahlen. Dragan Pantic, der den verdroschenen Mann auf dem Video als seinen Sohn identifizierte, wird jedenfalls Anzeige erstatten. (Andrej Ivanji aus Belgrad/DER STANDARD, Printausgabe, 27. Mai 2009)