Fotos: Matthias Cremer, Rene van Bakel

Wir nennen sie die Nomaden, und ganz am Anfang tauchten sie neben dem Gartenzaun auf. Ein wenig neugierig vielleicht. Aber kerzengerade vonAnfang an, und ab Mitte Juli mit entzückend pinkfarbenen Köpfchen. Daran hat sich auch später nicht viel geändert. Außer der Ort, an dem sie sich jeweils zeigen. Denn im Laufe der nachfolgenden Sommer sind die schlanken Besucher unermüdlich weiterm gezogen, leuchten mal neben der Heckenrose hervor, dann hinter der alten Regentonne, ganz am entgegen gesetzten Ende des kleinen Gartens. So sind sie zum Markenzeichen der spontanen Gartenplanung geworden, eine pinkfarben und an immer neue Stellen hingepinselte Signatur: Stets ein guter Kinderkopf höher als die Knirpse im freien Stand, die bei uns Regenwürmer suchen, und dabei ihr Spielzeug vom letzten Herbst finden. Denn die knallig leuchtenden Stockmalven, die auch noch Pappelrose heißen, oder Rosenpappel, Bauernrose, Bauerneibisch, Roseneibisch, Baummalve, Herbstrose und in Latein Alcea rosea, sind ja nur ein überraschendes Moment neben anderen auch. Der Garten als Wunderkiste, die mit sich selbst ein wenig experimentieren darf, die an Samen nimmt was die Vögel und der Wind eben mal fallen lassen - so war es geplant. Und so ist es gekommen.

Stärker, von geheimnisvoller, scheinbar absichtsloser Ordnung gestaltet, mit jedem Jahr. Viel Zeit, dem Verwildern Richtung Naturgarten zuzusehen, hatten wir damit allemal gewonnen. Viel Zeit auch, um selbst das Unkraut - das wir so nicht nennen wollen - auf ganz besondere Weise zu genießen. Einfach aufessen - das war schon immer die beste Art der Unkrautvertilgung, wobei das Menü zunehmend bunter wurde. Gänseblümchenköpfe als Salat-Deko und Löwenzahn in Essig und Öl. Brennnessel, die sich in milchige Suppe verwandeln, oder kurz frittiert in dreidimensionale Kulinarik-Architektur. Und nicht zu vergessen: die Schärfe der Brunnenkresse deren Knospen wir später im Jahr als Kapern-Ersatz einlegen. Ja, sogar der Mutter allen Unkrauts, dem von Nachbargärtner gehassten Giersch lässt sich plötzlich etwas Gutes abgewinnen: Für Aufstriche, Aufläufe, und zum Giersch-Spinat eignet sich die Geißel der Gärtner, leichter Petersiliengeschmack inklusive. Man sieht: Nutzgarten ist der Naturgarten allemal, wobei vom soziologischen Element noch nicht mal die Rede war: Denn wenn Hagebutten und Weinreben ihre stillen Kämpfe um Territorialität und mehr Licht ausfechten, und wenn junge Farne und die alte Feige plötzlich eine bizarre Freundschaft schließen, dann kann man aus der Hängematte herrlich über Krieg und Frieden philosophieren, Minzblätter für Tee und tiefe Wurzeln inklusive. Mal sehen was in diesem Sommer-Kapitel noch passiert.