STANDARD: Der EU-Wahlkampf dreht sich hier um einen Beitritt der Türkei, der gar nicht ansteht.

Puntscher-Riekmann: Ich glaube, dass der, der den Ton vorgibt, eigentlich Heinz-Christian Strache heißt und man versucht in dessen Fahrwasser auf mehr oder weniger deutliche Xenophobie zu setzen. Zu sagen, die Türkei-Verhandlungen seien gestorben, ist einfach nicht wahr. Die ÖVP bedient das Gefühl, dass ein Beitritt der Türkei aus kulturellen Gründen das Ende Europas sei. Der Fremdenfeindlichkeitsvorwurf bleibt da jedenfalls bestehen. Die Spitze der ganzen Geschichte ist aber der Verweis auf einen Israel-Beitritt, den man verhindern wird. Nicht nur, dass es gar kein Beitrittsansuchen gibt, hier spielt man offen mit dem antisemitischen Gestus.

STANDARD: Warum werden europäische Themen nicht aufgegriffen?

Puntscher-Riekmann: Vor allem die beiden Großparteien haben keine Vorstellung, wie Europa aussehen soll und nachdem sie keine aktive, sondern bestenfalls eine reaktive Rolle damit verknüpfen, ist die logische Konsequenz, dass Strache die Linie vorgibt und sie hinterherhecheln. Bei beiden ist seit dem berühmten Brief an die Kronen Zeitung der Populismus das siegreiche Element. Die einen kokettieren mit der EU-Skepsis und die anderen mit der Islamophobie.

STANDARD: Anderswo bekämpfen Populisten den Lissabon-Vertrag.

Puntscher-Riekmann: Ja und da kann man sich auch noch auf das irische Nein berufen, indem man sagt: Die Völker wollen das nicht. Aber das ist ganz fatal. Denn dieser Vertrag ist ein wirklicher Fortschritt, aber darauf wird ja gar nicht mehr verwiesen. Zuerst wurde der Vertrag als das Heil verkauft, dann sagen die Iren nein und dann ist der Vertrag plötzlich ein Teufelswerk.

STANDARD: Argumentiert wird mit der Angst vor der Zentralisierung.

Puntscher-Riekmann: Wenn man ein gemeinsames Europa will, dann führt das unvermeidlich zur Zentralisierung. Gerade der Lissabon-Vertrag hat aber dagegen eine Schranke errichtet. Die nationalen Parlamente werden ja massiv gestärkt. Aber das wird überhaupt nicht erwähnt.

STANDARD: Wissen die Österreicher nicht genug über die EU?

Puntscher-Riekmann: Ich bin ganz pessimistisch, was die Schulen betrifft. Die erstsemestrigen Studierenden, die ich in meiner Vorlesung zur EU-Einführung sitzen habe, hören davon zum ersten Mal. Da kann jeder Populist den Sieg davontragen.

STANDARD: 1995 war die Stimmung noch anders. Hat die EU-Ablehnung mit der Osterweiterung zu tun?

Puntscher-Riekmann: Die Erweiterung war der große Angstfaktor, es ging um Arbeitsplätze und Löhne. Die osteuropäischen Staaten waren zudem begierig auf Modernisierung, während wir den Eindruck vermittelten, dass wir ohnehin die Avantgarde der Moderne sind, reich und gesettelt. Jetzt stehen wir in einem neuen Wettbewerbskontext. Und vielleicht gab es auch uralte Ressentiments gegen die Nachbarn nach dem Motto: Das waren die Totengräber der Monarchie. Wir haben ein Europastudium mit der Uni Olmütz und haben für die Olmützer einen Ausflug nach Bad Ischl in die Kaiservilla organisiert, um dort zu hören, wie unbeliebt die Tschechen in Bad Ischl seien, weil sie der Sargnagel der Monarchie waren. Das ist absurd, das zu 20-Jährigen zu sagen. (Adelhei Wölfl, DER STANDARD-Printausgabe, 29.5.2009)