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Die Studenten im Priesterseminar stimmen überein: Wer sich heute entscheidet, Pfarrer zu werden, muss das Familie und Freunden erstmal erklären.

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Nachspeise macht Laune: Die burgenländischen Priesterseminaristen beim gemeinsamen Mittagessen. Beherbergt werden sie in der Wiener Habsburgergasse.

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Auch ferngesehen wird in der Gemeinschaft: Papst Benedikt schaut den Priesteranwärtern über die Schulter.

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Pater Cuypers (SVD) betreut die Seminaristen. Als Mitglied des Missionsordens Steyler Missionare (lat. Societas Verbi Divini) ging er einst nach Papua-Neuguinea. Seit 2005 kümmert er sich um das Burgenland.

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"Ich bin arm und gebeugt, der Herr aber sorgt für mich", murmeln die sechs jungen Männer. "Meine Hilfe und mein Retter bist du", geht es weiter im Chor. Demütig neigen sie die Häupter. Ein paar tragen Birkenstockschlapfen. Jeder hat eine Sitzreihe für sich. Die Gebetbücher stapeln sich neben ihnen. Nicht viel los im Priesterseminar. So wie immer.

Mitten in der Wiener Innenstadt bildet die Diözese Eisenstadt ihre künftigen Priester aus. Das hat praktische Gründe: Die Universität – und damit die Katholisch-Theologische Fakultät – liegt um die Ecke. Der Zulauf ist dennoch gering: Nur zwölf junge Männer fühlen sich derzeit berufen, dem Burgenland die Predigt zu lesen, davon drei Inder und zwei Rumänen. Seit Jahren schon herrscht Flaute. "Die letzten großen Zahlen waren in den 80er Jahren", erzählt Norbert Cuypers.

Beten und arbeiten

Der aus Köln stammende Priester arbeitet als so genannter Spiritual. Er begleitet die jungen Männer als eine Art Beichtvater durch die vier Jahre im Priesterseminar. Und diese gestalten sich – zumindest für Außenstehende – durchaus karg. Der Tag beginnt früh um sieben – nicht mit Frühstück, sondern mit der Liturgie. So gibt auch den weiteren Tagesrhythmus ein Dauerbrenner des Benediktinerordens vor: "Ora et labora". Auf die Arbeit folgt das Gebet, und auf das Gebet wieder die Arbeit.

Nach dem Morgenbrot geht es auf die Uni, dann zurück zu Gebet und Mittagessen, nachher wird weiter studiert. Fernsehen gibt es nur im Gemeinschaftsraum, Internet bloß in der Bibliothek. Pater Cuypers vergleicht das Leben des angehenden Priesters mit dem Stephansdom. Von außen sähen dessen Fenster grau und eintönig aus, "von innen aber sind sie wunderschön und bunt".

"Männer mit Gefühl"

"Gesucht: Männer mit Profil und Gefühl". Was wie ein Liebesappell in der Partnerbörse klingt, ist der Aufruf von Regens Johannes Pratl. Der Leiter des Burgenländischen Priesterseminars wirbt auf der Homepage, "alles auf eine Karte zu setzen" – und meint damit: alles auf Gott. "Wie ein Stück Brot", ist er überzeugt, "werden solche Menschen gebraucht." Das sieht auch sein Mitarbeiter Cuypers so: "Es gibt einen wahnsinnigen spirituellen Hunger. Die ganze Esoterikwelle zeigt das."

Jürgen Tanczos stillt vorerst nur seinen eigenen Hunger. Der 28-jährige Burgenländer steht mit elf weiteren Seminaristen um einen langen Tisch. Nach dem Mittagsgebet gibt es Buchstabensuppe. Als Hauptspeisen werden Pizzaschnitten gereicht, dazu Leitungswasser. Als Jürgen seinen Eltern sagte, dass er Priester werden wolle, waren sie nicht begeistert. "Man kann sich ja auch so in der Pfarre engagieren", war ihre Reaktion.

Eltern skeptisch

Die meisten Studenten des Burgenländischen Priesterseminars sind mehr oder minder Spätberufene. Jürgen studierte Elektrotechnik in Graz und werkte ein Jahr beim Autozulieferer Magna, bevor ihn Gottes Ruf ereilte. Sein Kollege Thorsten Carich hatte sein Studium der Handelswissenschaften auf der WU in Wien fast fertig, als er sich entschloss, sein Leben mit Gott statt mit Ökonomie zu verbringen. "Das musst du wissen", hätten dem heute 29-Jährigen seine Eltern gesagt.

Die katholische Kirche, früher angesehen oder zumindest gefürchtet, ist in weiten Teilen der Gesellschaft in die Defensive geraten. Wer heute katholischer Priester wird, hat Erklärungsbedarf, bestätigen die Seminaristen. "Der Bürgermeister und der Pfarrer waren früher die bestgebildeten Menschen im Ort. Dass die bestimmen, was los ist", diese Zeit sei "für immer vorbei", sagt Jürgen.

Schrumpfende Kirche

Dass rund 50 Prozent der ohnehin spärlichen Seminaristen die Ausbildung nicht beenden – sprich: sie es sich bis zur Weihe anders überlegen -, wie Pater Cuypers erzählt, verschärft den Priestermangel im Burgenland. Geplant sind mittlerweile so genannte Seelsorgeräume, in denen Priester gemeinsam mit Diakonen, Pastoralassistenten und sonstigen Laien von zentralen Stützpunkten aus mehrere Gemeinden betreuen. "Die Volkskirche wird sich auflösen", prophezeit der rumänische Seminarist Andrei Ciuraru gar. Nur mehr zehn bis 20 Prozent der Österreicher würden sich langfristig zur Kirche bekennen.

Ob das vieldiskutierte Pflichtzölibat potenzielle Priester abschreckt? Da sind auch die angehenden Hirten uneinig. "Klarer Unsinn", sagt Andrei und verweist auf ähnliche Probleme auch in der evangelischen Kirche. Außerdem wäre das auch ein wirtschaftliches Problem, wenn die Kirche ganze Familien versorgen müsste. Dem widerspricht Matthias Platzer, der Religionslehrer war, bevor er ins Priesterseminar kam. "Viele Pfarrer haben große Autos. Es wäre überhaupt kein Problem, mit einem Priestergehalt eine Familie zu ernähren." Auch Jürgen kann sich eine Freistellung des Zölibats theoretisch vorstellen. Kritik an der verpflichteten Ehelosigkeit wollen sie aber nicht gelten lassen. Der ehemalige WU-Student Thorsten meint etwa: "Das käme mir ein bisschen so vor, wie wenn die Geschiedenen sagen würden: Wir sind gescheitert, deshalb sind wir für die Abschaffung der Ehe."

"Fruchtbare" Priester

Der 45-jährige Norbert Cuypers sieht das Zölibat entspannt: "Der Priester ist berufen, fruchtbar zu sein – nicht körperlich, aber im übertragenen Sinne." Er selbst wisse, dass er als Eheloser "gesunde Freundschaften" brauche, dass er menschliche Beziehungen wie jeder andere pflegen müsse. "Ich bin auch der Norbert, und ich bin auch der Mann Norbert."

Ein Patentrezept gegen die Säkularisierung der Gesellschaft – Cuypers spricht vom "Zeitgeist" – haben die Priesterseminaristen aber nicht. Man müsse den Menschen eben auf Augenhöhe begegnen, in der Gemeinde aktiv sein und ein gutes Beispiel geben. In seiner Heimatgemeinde St. Michael, in der Nähe von Güssing, spiele der Pfarrer zum Beispiel Fußball, erzählt Jürgen. Er sagt, ein Geistlicher könne die Menschen immer noch erreichen, indem er in den Sportverein oder zur Feuerwehr gehe. "In den Swingerklub kann er halt nicht gehen." (Lukas Kapeller, derStandard.at, 19.5.2009)