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Teil zehn der Reihe über die schönsten Bücher des Jahres.

An "suspekten Trostangeboten", wie Franz Dodel am Schluss seines Buches schreibt, orientiert es sich jedenfalls nicht. Ob man andererseits nicht bei Verstand ist, wenn man sich an ein unendliches Gedicht in ständig wiederkehrender Haiku-Form macht? Vielleicht hilft die faksimilierte Zeile rund um den Einband weiter: "unsinnig endlos weiter zu schreiben jedoch damit aufzuhören ist noch unsinniger". Also hat Dodel bereits den zweiten Band der Reihe "Haiku endlos" gefüllt, Zeilen 6.001 - 12.000, mit täglichen Assoziationen und Ausschweifungen jeweils auf der rechten Seite, Erklärungen und gelegentlichen Illustrationen (von Serafine Frey) auf der linken.

"Seit Millionen Jahren" zum Beispiel "hat alles was ist / nur das Geschäft des Daseins / im Sinn: Anpassung", streng im 5-7-5-7-Rhythmus. Das allein ist schon ein außergewöhnliches Vorhaben. Zu einem der drei Staatspreise für die schönsten Bücher 2008 hat die Gestaltung das Ihre beigetragen. Auf ersten Blick und auf erstes Gefühl in der Hand erinnert es ein wenig an einen Moleskine-Kalender: weich und zugleich kompakt, in Schwarz und warmem Rot; fast ein Vademcum für die Hosentasche. Warum auch nicht - die mehr als 600 Seiten sind auf 40 Gramm leichtem, satiniertem Papier flach komprimiert. Es ist gerade so dünn, dass man die Rückseite durchscheinen sieht, ohne dass es beim Lesen des dunkelgrau gesetzten Textes stört. Das Buchdesign schafft den Spagat, mit einfachen Mitteln ein hochwertiges Produkt vorzusetzen.

Es war eine Arbeit im D-A-CH-Geschoß: Dodel, der Autor, lebt in seiner Heimatstadt Bern und im schweizerischen Boll. Juliane Wolski, die für pol konzeption den Band gestaltet hat, ist Deutsche mit Wohnort Zürich, der Umschlag ist von Leif Ruffmann, ebenfalls Deutscher. Und Verleger Reto Ziegler aus der Schweiz lebt und arbeitet in Wien. Der Hauptverband des Buchhandels hat somit ein grenzübergreifendes Werk ausgezeichnet. Darauf einen Haiku! Vielleicht den: "die Zuversicht der / sich öffnenden Augen setzt sich dem Anspruch aus / eines Andern das wartet".(Michael Freund, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 30./31.05. & 01.06.2009)