Zuletzt hatte ich am Beispiel Fußball gezeigt*, wie Stars Millionen Monatsgagen beziehen, die weit über den Jahreseinkommen der meisten Manager oder Banker oder gar den Lebenseinkommen vieler Fans liegen; dass selbst zweitklassige Kicker der Premier League weit mehr verdienen als Spitzen in Wirtschaft und Politik - und dass sie mit im Mittel 23 Prozent oder einer Million Euro Mehreinkommen 2008 im Vergleich zu 2007 zu den wenigen großen Krisengewinnlern gehören; dass Gehaltsobergrenzen ebenso wie der Abbau von Steuerprivilegien für Spitzensportler (bzw. Spitzensteuersätze für Spitzenverdiener) diskutiert werden; und wie die Gagen- und Transfergeldexplosion die Clubs in Überschuldung und Krisengefahr treibt - und der hochprofessionelle, seelenlose globale Söldnerzirkus dennoch weiter hasardiert.

Schwindelerregende Remunerationen werden oft von den Nutznießern selbst als unverhältnismäßig, unbegreiflich, ja obszön erlebt. Doch Empörung hilft nicht ohne Analyse dieser "windfall-profits" der Superstars. Etwa weshalb selbst "non-celebrities" in glamoureusen Branchen des Showbusiness in Krisenzeiten profitieren, während zugleich nirgendwo im reichen Nordwesten mehr Menschen auch im Boom in chronischer Arbeitslosigkeit, Armut und Prekarität leben oder in branchenfremden Berufen arbeiten wie gerade "no-names" in Kunst, Kultur, Sport, Showbiz - Schauspieler, Komponistinnen, Schriftsteller, Filmer, Fotografen, Maler, Bildhauer, Musiker - und Fußballer - als Taxifahrer, Kellner usw.

Krisengewinne im Big Showbiz sind einfach zu erklären: je weniger "Brot und Butter" bzw. Wurst aufs Brot und Erspartes am Konto, umso mehr Spiele (oder Sündenböcke und Feindbilder), das ist ein altbewährtes Rezept, die aufgebrachten Massen in beunruhigend bewegten Zeiten ruhig zu halten. Freilich sind Wetten und Glückspiele, Reality-TV, Tittitainment, Klatschpresse, Pornographie und Gladiatorenkämpfe den Pogromen von Hetzmeuten auf austauschbare Außenseiter ("kriminelle Asylanten", "Bettlerbanden", "Rumänen", "Tschetschenen", "Zigeuner", "Zionisten", "Islamisten", "Christen", "Juden" und andere "Ungläubige", "Gottlose", "Schwule", usw.) allemal vorzuziehen.

Für die verarmten Massen in Südosteuropa und -asien, in Nahost, Afrika und Lateinamerika sind Fußball (oder Popmusik) eher gesundes Opium, verglichen mit alternativen Angeboten von Bürgerkrieg über Djihad bis Sekten; in reichen Ländern eine leicht krawallige, aber harmlose Droge im Vergleich mit Revolten, kollektiven Hysterien und historischen Panikattacken des 20. Jahrhunderts - Vereinspatriotismus bis Klubfanatismus statt Faschismus.

Immer mehr ausgeben um immer mehr einzunehmen ist das Leitmotiv des seelenlosen Söldner-Fußballs und globalen Gladiatoren-Zirkus: "s'laft wann's laft" - und platzt, wenn's platzt; wie der Casino-Kapitalismus ganz allgemein. Auch hier weiß niemand genau, wann's warum laft oder platzt, und nachher will keiner schuld gewesen sein an der Katastrophe und am kollektiven Wahn, der süß ist, solange der Blitzkrieg- oder subprime-Rausch dauert und die "Spiele statt Brot"-Droge wirkt. Die Fußballblase mag platzen - guter Fußball, Unterhaltung, Showbiz wird gerade in Krisenzeiten immer nachgefragt sein. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 7.7.2009)