Mahmud Ahmadi-Nejad hat da offenbar etwas missverstanden. Er hat es zu persönlich genommen, dass um seiner Wiederwahl willen Religionsführer Ali Khamenei in Kauf nahm, dass die latente Spaltung des Iran sich zu einer offenen Systemkrise auswuchs. Jetzt zeigt sich langsam, dass dies keineswegs eine Stärkung seiner Position als Präsident mit sich brachte. Im Gegenteil, Ahmadi-Nejad setzt nicht einmal das durch, was ihm verfassungsmäßig zusteht: die Entscheidung über seine Stellvertreter.

Erst nach einer öffentlichen Maßregelung durch Khamenei nahm er die Beförderung von Esfandiar Rahim Meshaie zum ersten Vizepräsidenten zurück. Der Beraterposten, den er ihm jetzt gegeben hat, ist im System unwichtig. Was jedoch genau Ahmadi-Nejad so sehr an Meshaie bindet, bleibt unklar. Alte Verpflichtungen oder die Schwiegerverwandtschaft? Ist Meshaie Ahmadi-Nejads Quotenliberaler, oder gefällt ihm gar, dass Meshaie ebenso wie er gerne gegen den Stachel löckt, wenn auch in umgekehrter Richtung?

Meshaie fiel schon vor seinen freundlichen Aussagen über Israelis und Amerikaner auf. So sponserte er einmal eine Veranstaltung, bei der Musik, Tanz und Koran für den Geschmack des konservativen Klerus einander gefährlich nahe kamen. Schon damals gab es einen Aufschrei.

Was die Ritzen und Spalten, die sich in der Regime-Front zeigen, für den Fortgang der aktuellen Krise bedeuten, kann niemand sagen. Es mag aber als Hinweis darauf dienen, dass wahrscheinlich auch die Gegenseite zu Unrecht als homogener Block gesehen wird. Darüber weiß man noch weniger. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2009)