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Lehrern machen soziale Konflikte, die in die Schule getragen werden, zu schaffen.

Foto: APA/Roland Schlager

Überlastete Lehrer, Stundenkürzungen, soziale und familiäre Probleme, die in die Schule getragen werden: Das ist nur eine kurze Auflistung der Probleme, die an manchen Wiener Schulen vorherrschen. Das hat eine Untersuchung zur sozialen Situation an Pflichtschulen der Sekundarstufe I in Rudolfsheim-Fünfhaus im Auftrag des Bildungsstadtrats ergeben, die derStandard.at vorliegt.

Entscheidung über Schulsozialarbeit im August

Ab kommenden Herbst könnte deshalb an einigen Schulen im 15. Wiener Gemeindebezirk das Pilotprojekt Schulsozialarbeit starten. Die Entscheidung darüber soll im Büro von Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) Ende August fallen. Bisher gab es an Wiener Schulen keine Sozialarbeiter, die direkt an der Schule tätig waren. Bei Konflikten mussten externe Insitutionen zu Rate gezogen werden.

Überforderte Lehrer

Die Ergebnisse der Untersuchung, von Team Focus - eine Arbeitsgruppe, die im Fonds Soziales Wien angesiedelt ist - im Detail: Die Anforderungen an die Lehrer haben sich in den vergangenen Jahren geändert. Die Pädagogen müssen sich mit verschiedenen sozialen Problematiken auseinandersetzen. Schüler mit Lern- und Verhaltensproblemen machen es schwierig, das Klassengefüge zusammenzuhalten. Quereinsteiger mit ungenügenden Deutschkenntnissen erhöhen die Schwierigkeiten zusätzlich. Lehrer fühlen sich ob der vielschichtigen Anforderungen „überfordert und überlastet". Zudem fühlen sie sich für zahlreiche Aufgaben nicht nur unzureichend ausgebildet. „Vielfach äußern sie den Wunsch nach sozialpädagogischer, sozialarbeiterischer und psychotherapeutischer Unterstützung", schreiben die Autoren.

Stundenkürzungen für Zusatzlehrer

Hinzu komme, dass es zu wenige Begleit-, Muttersprachen- und Beratungslehrer gebe. Kaum förderlich also, dass es seit 2000 laufend zu massiven Stundenkürzungen kommt. Arbeiteten Beratungslehrer vor neun Jahren noch 22 Stunden in der Woche an Schulen, waren es heuer nur noch zehn. In Wien gibt es 25 Schulpsychologen, was theoretisch bedeutet, dass sich einer um 10.000 Kinder, deren Eltern und 900 Lehrer kümmert.

Desinteressierte Eltern

Die Eltern sind auch das nächste Stichwort: „Viele Probleme, die an den Schulen auftreten, sind eng mit familiärem Hintergrund der Schüler verbunden. Lehrer erleben jedoch die Kontaktaufnahme zu den Eltern als mühsam, Erziehungsberechtigte sind schwer zu erreichen oder zeigen wenig Bereitschaft", schreiben die Autoren. Bei vielen Lehrern herrsche der Eindruck vor, dass die Eltern sowieso nicht an der Bildung ihrer Kinder interessiert seien, die Verantwortung auf die Schule abwälzen und kaum Eigenverantwortung übernähmen. Einerseits, weil sie mit ihren Problemen okkupiert sind, andererseits, weil sie Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben und das österreichische Bildungssystem nicht kennen.

Problem-Bezirk

Gerade im 15. Bezirk, der wegen des hohen Anteils von sozial, ökonomisch und bildungsbenachteilgter Bevölkerung als Problem-Bezirk gilt, gibt es zahlreiche außerschulische Programme, die genau diese Probleme in Angriff nehmen sollen. Sowohl das Jugendamt (MA11), als auch die niederschwellige Institution Rebas 15, um nur zwei zu nennen, werden zu Rate gezogen. Vernetzt und an der Schule vor Ort ist aber keine der Einrichtungen, weswegen die befragten Pädagogen Schulsozialrbeit fordern. „Viele erhoffen sich, soziale Themen aus dem Regelunterricht herauszulösen. Zusätzlich soll sie (die Schulsozialarbeit, Anm.) auf die Eltern einwirken".

Grüner Vorstoß

„Papier ist geduldig, aber hier sind konkrete Problemlösungen gefragt", sagt Birgit Hebein, Bezirksrätin der Grünen im 15. Bezirk. Sie befürchtet, dass das Pilotprojekt trotz Bedarfserhebung, nicht gestartet wird. „Seit drei Jahren wollen wir schon die Schulsozialarbeit", sagt die Politikerin. Frustriert ist sie wegen der Stadtregierung: „In anderen Bundesländern, in Niederösterreich etwa, ist das auch möglich", sagt Hebein. Hebein wundert sich über das zaghafte Vorgehen und wirft der SPÖ schlichtweg Chaos vor: die Erhebung sei schon im April abgeschlossen worden, klare Entscheidungen seien aber noch immer nicht getroffen worden.

Die Grünen planen nun, im Glauben, dass das Pilotprojekt nicht zustande kommt, im Bezirk Geld locker zu machen und an zwei Schulen mit zwei Sozialarbeitern ein Projekt fix zu starten. Hebein erwartet, dass 30.000 Euro zur Verfügung gestellt werden könnten. Ein Vier-Parteien-Beschluss im Bezirk sei ihr gewiss, sagt sie im Gespräch mit derStandard.at. „Die Vorteile liegen auf der Hand. Sozialarbeiter sind nicht nur vor Ort, sondern können auch zu den Schülern nach Hause gehen und Verbindungsglied zwischen Schule und Zuhause sein".

Mit dem Bewährungshilfeverein Neustart hat Hebein schon Gespräche aufgenommen. Andreas Zembaty von Neustart begrüßt das Projekt. Vergangenes Jahr hatte der Verein den Plan, an 200 Schulen österreichweit Schulsozialarbeit anzubieten. Geworden sind es letztlich 20 Schulen, sagt Zembaty bedauernd. Der Bund hatte nicht genügend Geld zur Verfügung gestellt. (Marijana Miljkovic, derStandard.at, 30. Juli 2009)