"Wir wollen weniger gelobt und mehr gelesen sein" (Lessing): George Saiko (1892-1962) hat als Kurator für die Albertina sehr viel und für die Literatur noch viel mehr getan. Erfolg hatte er nie. Ein Symposion versucht heute einen neuen Anlauf.

Wien - Mitten im Zweiten Weltkrieg organisierte der 1939 mit Schreibverbot belegte und in der Albertina zwangsverpflichtete George Saiko widerspenstige Ausstellungen: Zum Beispiel Wilhelm Busch, der ja deutsche Kleinbürger immer in Gewaltexzesse ausbrechend zeigt. Nach Kriegsende wurde Saiko hinausintrigiert. Momentan ist wieder keine gute Zeit für George Saiko. Weil "draußen" so viel geschieht und der Konsum der vielen Meldungen schon als Lösung gilt.

George Saiko aber fragt immer, warum es überhaupt zu Situationen von außen – Situationen wie Krieg – kommt: Was treibt uns – die bewusste Oberfläche einer in Schlagzeilen zusammengezogenen Gegenwart oder ein "Agens der Tiefe", Strömungen nicht nur des eigenen, sondern eines kollektiven Unbewussten? Angst, Gier, erotische Obsessionen, vor allem aber nach Halt in Ideologien suchende Ziellosigkeit: Diese Beweggründe wollte George Saiko in der klaren Sprache eines Analytikers in seinen Romanen (Auf dem Floß, 1948; Der Mann im Schilf, 1955) darstellen. Spröde Meisterwerke, die immer noch kaum gelesen werden. Woran eine schlechte, von keinem Geist der Vermittlung getragene Edition des Salzburger Germanisten Adolf Haslinger Mitte der 80er-Jahre nicht unschuldig ist. Dort wurden etwa die aufregenden Essays in einen Band mit einem abregenden Drama zusammengespannt. Aber ohne die politischen und künstlerischen Analysen dieser Essays öffnet sich das Erzählwerk nicht. Zur Einstimmung auf das heutige Symposion – das Vorträge zu seinen psychoanalytisch unterfütterten Erzählungen (Friedbert Aspetsberger, Manfred Müller), aber auch zu seiner Stellung als Kunsthistoriker (Renate Posthofen) bietet – kurz etwas aus diesen Essays:

Politisch beklagt Saiko 1957 in Hinter dem Gesicht des Österreichers, dass dieses Gesicht einen "harmlosen, heiter-zufriedenen Ausdruck, getragen vom Prinzip des Fremdenverkehrs" zeige, über alle geschichtlichen Umbrüche seit der Monarchie hinweg: Die tragenden Schichten der Übernationalität – Adel und Judentum – seien vernichtet, die Urbanität durch Zuzug von "Alpendeutschen, nicht gerade die begabtesten deutschen Stämme" provinzialisiert: Gegenwart oder Vergangenheit? – Für Saiko unbearbeitete und deshalb wiederkehrende Strukturen. Die er in seinem Romanwerk bewusst machen wollte: Der Roman erweitere sich in die "hintergründigen Mächte, die durch die oberste Konventionsschicht hindurchbrechen", so der Essay Roman und Film. Die Formen unserer Weltinterpretation. Ein Höhepunkt darin: William Faulkner. Auf dessen Floß steigt Saiko. Allein. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2003)