Gleichzeitig mit dem alljährlichen Massenexodus der Pariser in die Sommerferien ist in den Kinos die digital restaurierte Version des Ferienfilms schlechthin, Jacques Tatis Die Ferien des Monsieur Hulot, angelaufen. In Tatis Filmklassiker aus dem Jahr 1953 besteht die Ferienausrüstung der Kinder aus Schmetterlingsnetzen, Schwimmreifen und Bällen. Im Sommer 2009 haben viele französische Kinder noch etwas anderes im Urlaubsgepäck: "cahiers de vacances".

In diesen "Ferienheften", die man zu Ferienbeginn in mächtigen Stapeln in allen französischen Buchhandlungen und selbst an Supermarket-Kassen findet, ist der Lernstoff des absolvierten Schuljahres für die sommerliche Wiederholung aufbereitet. Mit Comicfiguren, Witzen, Rätseln etc. attraktiv gestaltet, gehen diese Lernbehelfe weg wie warme Semmeln (okay, wie frische Baguettes).

Auch in bildungsbewussten österreichischen Familien müssen die Ferien ihren Beitrag zu dem leisten, was Bildungssoziologen "concerted cultivation" nennt: zur sorgfältig arrangierten "Kultivierung" des außerschulischen Aufwachsens.

In der pädagogischen Folklore galten und gelten die Sommerferien als Phase glücklicher, selbstbestimmter Muße - zum Baumeln mit der Seele, zum Wiederaufladen der Batterien, verknüpft mit der unausgesprochenen Erwartung, den Stress des Schuljahres abzubauen und die Vorstellung eines im Herbst beginnenden neuen Schuljahres erträglich zu machen.

In der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind die Sommerferien jedoch wie so viele andere soziale Phänomene geprägt von schichtspezifischen Kulturen und von der finanziellen und personellen Situation der Familien, z. B. einkommenschwache Alleinerzieherinnen, Familien mit zwei berufstätigen Eltern oder einem gutverdienenden Akademiker mit einer Ehefrau, die Zeit für die "Optimierung" der Freizeit ihrer Sprösslinge hat. Während "working class kids" in den Ferien tatsächlich oft "nichts" zu tun haben und ihnen die Zeit lang wird, bemühen sich Mittel- und Oberschichtfamilien um "competitive advantage" für ihren Nachwuchs, d. h. um die für schulisches Fortkommen zuträgliche Anreicherung des Sommers.

Malcolm Gladwell präsentiert in seinem neuen Buch Outliers: The Story of Success, in dem er sich mit den Voraussetzungen und Umständen erfolgreicher beruflicher Karrieren beschäftigt, einen alarmierenden bildungssoziologischen Forschungsbefund: Die Lesefähigkeit von Unterschichtkindern nimmt über die Ferien ab, Mittelschichtkinder verzeichnen einen deutlichen Lernzuwachs.

Das sichtbarste Beispiel für das Bemühen von "bildungsnahen" (Mittelschicht-)Eltern, ihren Sprösslingen ein Stück Extraförderung zu verschaffen, ist der massive Andrang zu den sogenannten Kinderuniversitäten. An zwölf österreichischen Universitäten bieten Hochschullehrer Ferienkurse für Sieben- bis Zwölfjährige zu Themen wie explodierende Sterne, die Chemie beim Eierkochen oder giftige Tiere an. Im heurigen Juli schwärmten 3900 Kids in lila T-Shirts zwei Wochen lang durch die Wiener Universität.
Kulturelles Kapital

Dass es sich bei diesen Kindern weder um eine Auslese nach Interesse und Begabung und erst recht nicht um eine Zufallsstichprobe der Wiener Schülerschaft handelt, ergibt sich aus dem Anmeldeverfahren und aus der erforderlichen Unterstützung durch einen Erwachsenen. Wissenschaftsminister Hahn erklärte anlässlich einer Bilanz der Kinderuniversität, dass diese "praktisch schon zum Zeitpunkt der Anmeldung so gut wie ausgebucht war".

Um Kinder-Student zu werden muss man Eltern mit "kulturellem Kapital" haben, d. h., die über den "Wissensvorsprung", die für die Anmeldung erforderlichen Computerskills und zudem über die Zeit verfügen, um die Knirpse am Campus von Hörsaal zu Hörsaal zu begleiten. Bedeutsamer als die Inhalte der Vorträge, kindgerecht und interessant, wie sie sein mögen, dürfte der Umstand sein, dass diese Erfahrungen das Selbstbewusstsein der beteiligten Kinder stärken und einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur späteren Studiermotivation leisten.

Und hier ergibt sich für die Organisatoren der Kinderuniversitäten ein Problem: Nolens volens vergrößert dieses öffentlich finanzierte Ferienprogramm die bestehende soziale Segregation der Bildungswege. Sollten die Kinderuniversitäten einen Beitrag zu Fairness und Chancengleichheit leisten, müsste man überlegen, die gegenwärtige Rekrutierung der Kinder auf der Basis elterlicher Ambitionen durch ein Losverfahren unter Einbindung der Schulen zu ersetzen.

Abgesehen von den Bemühungen der Universitäten, ihr traditionelles Image als gesellschaftsferne "elfenbeinerne Türme" zumindest für zwei Sommerwochen loszuwerden, gibt es ein vielfältiges Angebot an Ferienbeschäftigungen, die über das stundenlange wort-lose Spielen mit Playstations und Gameboys oder die Lektüre von Harry Potter hinausgehen. Wie Wien mit seinem "Ferienspiel" versuchen mehrere Städte, die acht Sommerwochen durch kreativitätsfördernde Workshops, Museumsbesuche und heimatkundliche Exkursionen kurzweiliger zu machen. Eltern, denen dies nicht genug schulisch relevanten Mehrwert bietet, steht ein florierender Markt offen.

Bezeugen die Zunahme der ferialen Lernangebote und die von Gladwell präsentierten Daten zum sommerlichen Lernverlust von Unterschichtkindern, dass die Sommerferien zu lang sind? Bei der Debatte über eine Verkürzung der Sommerferien, die heuer zum Schulschlusses geführt wurde, dominierte die Frage, ob diese a) der Lehrergewerkschaft und b) der österreichischen Fremdenverkehrswirtschaft zugemutet werden kann. Notwendig wäre jedoch eine sorgfältige Balance zwischen den altersadäquaten Erholungsbedürfnissen junger Menschen und der Ermöglichung eines "natürlichen" Lernzuwachses auch im Sommer.

Man könnte sich an England orientieren, wo "half-term"-Ferien in der Trimestermitte für eine lernpsychologisch wohlfundierte Strukturierung des Schuljahres sorgen. Der Vorschlag, die Sommerferien von acht auf sechs Wochen zu reduzieren und jeweils eine Woche Frühlings- und Herbstferien einzuführen, verdient ebenso ernsthafte, sorgfältige Erwägung wie die Frage, ob und wie Schulen als kostspielige öffentliche Ressourcen auch im Sommer genutzt werden können.

In Frankreich scheint man übrigens der Meinung zu sein, dass selbst bei den ganz kleinen Kindern die Lernbereitschaft im Sommer nicht brachliegen soll. "Cahiers de vancances" gibt es bereits für drei- bis vierjährige Vorschulkinder ... (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.8. 2009)