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Eine Woche Feierlichkeiten für 40 Jahre Revolution in Libyen: weibliche Jubelrufe für den "Bruder Führer" Gaddafi.

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Modebewusst: Muammar al-Gaddafi im Jubiläums-Hemd

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Tripolis/Wien - Eine einwöchige bunte Sause gönnt Muammar al-Gaddafi seit Dienstag sich und seinen Gästen zum 40-jährigen Regierungsjubiläum, mit hunderten Tänzern, Musikern, Feuerwerken und Flugshows: So gedenkt die "Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Jamahiriya" des 1. Septembers 1969, an dem der spätere "Bruder Führer" mit einer Gruppe von Offizieren gegen den damals im Ausland weilenden König Idris I. putschte. Ein System wird gefeiert, das den Anspruch einer direkten Volksregierung von unten hat, in dem dieses Volk aber nicht den Wunsch nach Demokratie - von Gaddafi als "Schwindel" bezeichnet - äußern darf.

Den Revolutionsfeiern gingen andere internationale Termine Gaddafis voraus: Am Sonntag sprach Italiens Premier Silvio Berlusconi vor, zum ersten Jahrestag eines "Partnerschaftsabkommens" mit Libyen, das de facto Reparationszahlungen für die italienische Besatzung 1911 bis 1943 vorsieht, auch wenn das Wort nicht verwendet wird: Fünf Milliarden Dollar wird Italien in den nächsten 20 Jahren in Projekte in Libyen stecken, dafür bekommt es, salopp gesagt, weniger Emigranten und mehr Öl.

Gaddafi hat zugesagt, die libyschen Küsten für afrikanische Bootsflüchtlinge, die nach Italien wollen, dichtzumachen. Und die italienische Eni ist jetzt schon die größte ausländische Ölfirma in Libyen (wobei sich Libyen in die Eni auch selbst einkauft). Gaddafis Wunsch, dass die italienische Fliegerstaffel "Frecce Tricolori" bei ihrem geplanten Auftritt in Tripolis anstelle der Farben der Tricolore (Rot-Weiß-Grün) nur das libysche Grün-Grün-Grün aus ihren Düsen spucken soll, wird aber nicht in Erfüllung gehen. Vielen Italienern ist Berlusconis inniges Verhältnis zum autoritären Wüstensohn ohnehin ein Dorn im Auge.

Stargast Hugo Chávez

Aber auch der schwarze Kontinent, die große Liebe des von den Arabern enttäuschten Gaddafi, bekam seine Rolle. Am Montag fand ein Treffen der Afrikanischen Union in Tripolis statt, Stargast war der venezolanische Präsident Hugo Chávez. Da wurde ein Fest des Thirdworldismus gefeiert, bei dem eigentlich nur noch Irans Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad fehlte. Als Schuldiger für alle Konflikte in Afrika wurde Israel benannt. Tatsächlich ist das offizielles Narrativ besonders im Sudan: Israel wolle durch das Anzünden interner Konflikte (d.h. durch die Finanzierung von Rebellen) die letzten Antiimperialisten und Palästinenserbeschützer zerstören. Gaddafi forderte die Schließung aller israelischen Botschaften in Afrika.

Nicht nur deshalb ist das westliche Kopfschütteln gerade zu Gaddafis 40. Revolutionsjubiläum wieder einmal groß. Bis Dienstag waren zwei Schweizer Geschäftsleute noch immer nicht frei, anders als es Hans-Rudolf Merz, dem Bundespräsidenten der Schweiz - laut Gaddafi ein "Verbrecherkartell" - kürzlich in Libyen zugesagt wurde: Zur Kritik, die Merz für seinen Canossagang in der Genfer Prügelaffäre um den Gaddafi-Sohn Hannibal einstecken musste, kommt nun der Gesichtsverlust.

Tripolis als modernes Canossa

Merz wäre nicht der erste Klinkenputzer, der in Libyen das Gesicht verloren hat. Mit Unbehagen erinnert man sich an die durch libysche Vermittlung in den Philippinen befreiten Geiseln, die 2000 in Tripolis wie Zirkustiere vorgeführt wurden, bevor sie nach Hause reisen durften. Dann kamen die zum Tode verurteilten bulgarischen Krankenschwestern, die Gaddafi dazu dienten, westliche Politiker - die sich darum rauften - zu demütigen. Und jetzt der triumphale Empfang für den libyschen Lockerbie-Attentäter, den London aus humanitären Gründen - Kritiker vermuten Ölinteressen - freiließ, zum großen US-Ärger.

Das Öl: Seit 2004 die Libyen-Sanktionen wegen der Lockerbie-Affäre aufgehoben wurden, geben sich westliche Gäste in Tripolis die Ehre: Einer der ersten war Großbritanniens damaliger Premier Tony Blair, ungeachtet dessen, dass Lockerbie, wo beim PanAm-Attentat 1988 270 Menschen starben, in Schottland liegt. Aber auch Condoleezza Rice kam 2008 noch auf Besuch: der erste eines US-Außenministers seit 1953, ein Teil der Belohnung dafür, dass Libyen 2003 sein geheimes Atomprogramm aufgab. In New York rätselt man derweil, wo Gaddafi, der zur Uno-Vollversammlung angesagt ist, sein Zelt aufschlagen wird. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2009)