Weg mit den Sitzecken, fordert Frau R.: "Dann wär endlich eine Ruh'."

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"Wir dürfen gar nichts mehr", murrt Orkut

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Dieser Inline-Skater ist genauso illegal unterwegs, ...

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... wie diese RadfahrerInnen es waren. Im Haus am Ende der Radspur wohnt Frau R., die nicht aus Foto will

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Quietschende Schaukel, quiekende Kinder: Des einen Freude, der anderen Schrecken

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 Auch Frau R. war einmal jung. „Da waren die Kinder noch nicht so frech und ordinär“, findet sie. Der Nachwuchs von heute ist ihr Albtraum. „Das sind keine Kinder. Das sind fertige Banditen.“

„Sie hat uns mit Eiern beschossen. Einmal sogar mit einem Glas“, beschwert sich Oktar über Frau R.. Der 13-Jährige lehnt an der Hausmauer, seine drei Freunde sitzen im Hauseingang. Warum die Attacken? „Weil wir angeblich zu laut gespielt haben", sagt Oskar. Er zeigt aufs Fenster im Hochparterre gegenüber: "Die ist total gestört.“

Mahnbrief im Stiegenhaus

Ab Jänner werden Wiens Gemeindebauten intensiver betreut. Die heutigen GebietsbetreuerInnen werden dann, personell deutlich aufgestockt, öfter in den Wohnhausanlagen unterwegs sein, um Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen. Kein leichter Job - wie auch das Beispiel Hueber-Hof in Wien-Favoriten zeigt.

Seit einiger Zeit hängt hier in allen Stiegen ein Mahnbrief an die BewohnerInnen: Aus aktuellem Anlass dringend die Hausordnung beachten. Nicht Ballspielen, nicht Radfahren, nicht die Ruhezeiten stören. Wer sich nicht dran hält, riskiere den Rausschmiss.

Frau R. hatte mehrmals bei Wiener Wohnen angerufen. "Seither dürfen wir im Bau gar nix mehr“, beschwert sich der 13-jährige Jan. Fußballspielen war einmal: Im Hof lässt man sie nicht mehr. Im Park nebenan dürften sie zwar, „aber die Großen lassen uns nicht mitspielen.“ Was er sich am meisten wünscht, ist "ein Fußballkäfig mitten im Hof.“

Schlechtwetter ist gutes Wetter

Oskars Wunschtraum wäre Frau R.s Albtraum. Die 70-jährige hat als Hochparterre-Bewohnerin Spielplatz und Sitzecke direkt vor der Nase. „Den ganzen Tag kann ich die Fenster nicht aufmachen", klagt sie. Bei Schlechtwetter hebt sich die Laune der Pensionistin: Regen vertreibt die Kinder  mitsamt deren "saufenden Eltern".

Frau R. keppelt nicht aus Langeweile. Die Frau ist verzweifelt. Seit vier Jahren wohnt sie im Bau, aber erst seit letztem Herbst verlässt sie auch die Wohnung. Davor war sie mit der Pflege ihres demenzkranken Ehemanns rund um die Uhr eingespannt, fing dessen Wutausbrüche ab,  auch am eigenen Körper. Im Oktober verstarb ihr Mann. Lange aufgestautem Frust konnte sie nun Luft machen.

Ob es stimme, dass sie Kinder mit Eiern beschossen hat? "Ja", flüstert Frau R.. "Aber ich hab' eh nicht getroffen. Leider."

Brief an den Stadtrat

Frau R. sieht sich als Opfer: Die Kinder hätten sie beschimpft, gedemütigt, "sogar behauptet, dass mein Hund krank ist. Muss ich mir das gefallen lassen?" Nein, fand sie – und schrieb schließlich auch dem Wohnbaustadtrat einen mehrere Seiten langen Beschwerdebrief. Dass Michael Ludwig nicht persönlich reagierte, sondern die Gebietsbetreuung einschaltete, wie es in solchen Fällen üblich ist, machte R. noch wütender. Sie hätte sich erwartet, dass jemand ihr Recht gibt – und "für Ordnung sorgt".

Stattdessen kam die Gebietsbetreuerin. Und "wollte, dass wir miteinander reden", ärgert sich Frau R. "Das sind sicher Akademikerinnen. Wissen die nicht, dass man mit so einem Gesindel gar nicht reden kann?"

Überhaupt spreche sie mit kaum jemand hier. Die Leute seien eh nur auf Streit aus. "Respektspersonen" müssten her, die lärmende Kinder „abmahnen“. "So wie die früheren Hausbesorger." Die aktuelle Hausbesorgerin sei hierfür aber ungeeignet: "Die ist befangen - die hat ja selber Kinder“. 

"Scheiß-Jugo"

Der Hueber-Hof ist wie die meisten Gemeindebauten. Auch hier heißt es „Scheiß-Jugo“ oder „depperte Türken“, wenn etwas nicht passt. Nicht, weil die Menschen hier besonders rassistisch wären. Sondern weil es akzeptabler zu sein scheint, auf Nationalitäten zu schimpfen, als die wahre Konfliktlinie zu benennen. Und die heißt sehr oft: Alt gegen Jung, Jung gegen Alt.

„Omi! Kommst du runter!“, ruft Ayse Ö. in den Himmel. Eine graugelockte Frau winkt aus dem dritten Stock zurück. „Das ist meine Nachbarin. 93 Jahre ist sie alt“, erklärt Ayse. Seit einer Stunde sitzt sie auf den Stiegen im Hof. Es gibt viel zu sehen. Menschen, die hinken. Frauen mit Einkaufssackerln, Frauen mit Kindern. Männer mit Hunden. „In der Türkei gibt es Hunde nur draußen. Nie drinnen.“ Ayse flüstert: „Die stinken und machen alles schmutzig.“ 31 Arbeitsjahre in Wien, vier Kinder, sechs Enkelkinder kann die 50-Jährige vorweisen. Seit 12 Jahren wohnt sie im Gemeindebau. 

Früher war es besser

„Ich war die erste Ausländerpartei im Haus“, sagt Ayse, und lacht. „Heute sind in jeder Stiege fünf Türken.“ Sie muss nicht lange überlegen, was sie besser findet: Früher sei es ruhiger gewesen. „Die Türken kriegen ja alle zwei, drei Kinder. Die Jugos sogar fünf“, meint Ayse, und zuckt die Schulter: „Wenn man älter wird, hat man es gerne ruhig.“

Auch Frau R. will nur "in Ruhe altern". Sie weiß, warum das hier nicht möglich ist. In einer Kleinstadt am Land sei sie aufgewachsen, erzählt die stilvoll gekleidete Frau. Rund tausend Menschen hätten dort gewohnt - "so viele wie da im Bau". Doch dort habe es "Bürgermeister, Polizei und eine Ordnung gegeben." Und miteinander geredet habe man auch. (Maria Sterkl, derStandard.at, 6.9.2009)