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Geronimo, eigentlich Goyaalé (links), selbst starb als Gefangener erst im Alter von 80 Jahren an doppelseitiger Lungenentzündung, nachdem er eine Nacht auf einer eisigen Landstraße gelegen war. Er war unbemerkt von einem fahrenden Pferdewagen gefallen, schwer betrunken.

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Ich bin Medizinmann, 85 Jahre alt und lebe in der Mescalero Apache Reservation in New Mexico. Meinen Namen will ich nicht sagen. Ich bin ein Nachkomme von Goyaalé, den die Mexikaner irrtümlich Geronimo genannt haben, dann auch die Amerikaner.

Während der Amtszeit des zweiten Präsidenten Bush haben dessen Gegner auch die Tatsache hochgespielt, dass sein Großvater Prescott Bush die Gebeine von Geronimo gestohlen hat. Prescott Bush war zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Soldat in Fort Sill, Oklahoma, stationiert, wo sich das Grab Geronimos befindet, der dort 1909, also vor genau 100 Jahren, als Gefangener gestorben ist. Prescott Bush war als Student der Universität Yale Mitglied der "Skull and Bones" -Bruderschaft geworden und hat für sie Geronimos Schädel, einige Knochen und das silberbeschlagene Zaumzeug entwendet. Seine Beute befindet sich immer noch im Besitz der besagten Burschenschaft in Yale, die sich weigert, sie herauszugeben. Indianische Aktivisten kämpfen um eine würdevolle Wiederbestattung. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen ist auch wieder die Geschichte von Geronimos Gefangennahme durch die US-Armee in die Medien gekommen. Die Berichte sind widersprüchlich. In meiner Familie wird folgende Version tradiert und ihre Bedeutung folgendermaßen interpretiert:

Als der junge Leutnant Charles Gatewood von zwei Apache-Scouts zu Geronimo heraufgebracht wurde, erkannten wir sein reines Herz. Am Fuße des Berges lauerte Hauptmann Lawton mit seiner Abteilung. Lawton hatte Geronimo in den vergangenen Monaten fast zu Tode gejagt, aber er wäre ihm wieder entkommen, wenn er gewollt hätte. Zuletzt waren 5000 Mann US-Armee, mehr als 2000 Mann lokale Milizen sowie die mexikanische Armee gegen Geronimo im Einsatz. Gatewood gewährten wir Gastfreundschaft. Er sprach viel von Frieden. Wir kauten Peyote-Knollen weich und luden ihn ein, sie mit uns zu essen. Wir sagten, wir wollten dann über den Frieden sprechen. Gatewood war unter den Bann Geronimos geraten und aß mit ihm von dem feuchten, braungrünen Klumpen. So erfuhr er, dass auch in den Weißen ihre eingeborenen Ahnen noch leben und wirken und dass der Eingeborene in uns mit dem Weltall identisch ist, mit allen seinen Wesen.

Deine Freiheit ist der Wahnsinn

Am Morgen wollte Gatewoods Urahne in das Schauspiel seiner weißen Existenz zurückkehren. Geronimo gab ihm Mescalschnaps, um ihm den Zugang zu dieser Illusion zu erleichtern. Eine seiner Squaws hatte den Schnaps ein paar Tage vorher aus dem Ort am Fuße des Berges geholt. Geronimo brauchte auch Feuerwasser für seine Medizin. Die Weißen haben uns sogar Waffen und Munition verkauft, Schnaps noch viel lieber. Wenn die Squaw kein Geld hatte, hat sie wohl mit ihrem Körper bezahlt. Aber Geronimo hatte meistens Geld von seinen Überfällen auf weiße Siedler. Er war auch ein leidenschaftlicher Spieler. Gatewood und Geronimo tranken den Schnaps. Dann bat Gatewood Geronimo, mit ihm zu General Miles zu kommen, der den Frieden garantieren könnte. Geronimo sagte, wie Gatewood nun wisse, gäbe es nur eine Garantie für die gesamte Menschheit, und das sei der Geist des lebenden Todes. Gatewood sagte, General Miles hätte volles Vertrauen zu ihm. Geronimo lachte kaum und sagte, er würde zu General Miles kommen, wenn dieser sein Geschenk annähme.

Gatewood überbrachte General Miles den Klumpen vorgekauten Peyote, und dieser gab es seinen Apache-Scouts mit dem Befehl, es zu essen. Diese Soldaten zerschnitten den Klumpen und aßen die Scheiben in ihren Sandwiches. Danach saßen sie schweigend im Kreis. Auf den Befehl von General Miles, in Formation zu treten, reagierten sie chaotisch. Einer bewegte sich in Tanzschritten auf den General zu und wurde festgenommen. Andere begannen zu lachen und zu weinen, zu singen oder zu erstarren. General Miles wurde sehr wütend. Er sagte, Geronimo hätte ihm eine Falle stellen wollen. Diese Scouts sind dann mit Geronimo in die Gefangenschaft geschickt worden, obwohl sie loyal für General Miles gekämpft und auch seinen letzten Befehl befolgt hatten. Gatewood fiel ebenfalls in Ungnade und wurde in den Norden versetzt.

Als Geronimo am Morgen des nächsten Tages mit Hauptmann Lawton im Armeelager ankam, fragte ihn General Miles, ob er bedingungslos kapituliere. Geronimo sagte, beide Kriegsparteien befänden sich bereits in der Macht des lebenden Todes. Die Entscheidungen würden von diesem gefällt. General Miles sagte: "Dann führe ich den Befehl deines Großen Geistes aus, wenn ich dich hiermit gefangen nehme." Geronimo sagte, solange es Gefangene gäbe, würden alle Gefangene sein, gleichgültig auf welcher Seite des Käfigs sie sich befänden. Deine Freiheit ist der Wahnsinn, sagte Miles. Das war am 4. September 1886 in Skeleton Canyon, Arizona.

Geronimo und seine letzten 36 Getreuen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, wurden zunächst zur Militärkommandantur in San Antonio, Texas, gebracht, wo ihr Kriegsgefangenenstatus gegen Widerstände schließlich doch bestätigt wurde, man hätte sie lieber als gemeine Schwerverbrecher gleich am Hals auf die nächsten Bäume gehängt. Man brachte sie dann per Eisenbahn nach Pensacola, Florida, wo sich ein großes Auffanglager für gefangene Indianer befand, unter anderem waren dort auch schon Familienangehörige Geronimos interniert, die er schon lange wiedersehen wollte, das war auch ein Grund für seine Kapitulation gewesen. Unterwegs war einer seiner Krieger aus dem fahrenden Zug entflohen. Zwei andere begingen Doppelselbstmord mit ihren Frauen, eine Frau überlebte. Bei der endgültigen Ankunft in Fort Sill, Oklahoma, nach einer jahrelangen Zwischenstation bei Mobile, Alabama, waren bereits mehr als 20 Prozent der Gruppe tot. Die "Schwindsucht" wütete weiter, das bezeugen die Grabsteine in Fort Sill.

Geronimo selbst starb im Februar 1909 als Gefangener erst im Alter von 80 Jahren an doppelseitiger Lungenentzündung, nachdem er eine Nacht auf einer eisigen Landstraße gelegen war. Er war unbemerkt von einem fahrenden Pferdewagen gefallen, schwer betrunken. Was ich sage, ist ebenso wahr wie unwahr. Was geschehen ist, ist gleichzeitig ganz anders gewesen. Die Bedonkohe-Gruppe der Chiricahua-Apachen, aus der Geronimo stammte, war immer schon ein Bindeglied zwischen allen Gegenteilen oder Welten. Sollten sich amerikanische Universitätsstudenten noch heute für die höchsten Staatsämter qualifizieren, indem sie mit dem Kopf eines Indianers Fußball spielen oder ähnlichen Unfug damit treiben, infiziert sie das mit dem Geist des Ur-Amerikaners, des Ur-Menschen, des Ur-Seins. Bei uns haben allerdings die Squaws die Leichen der getöteten Feinde geschändet, manchmal gemeinsam mit ihren Kindern.

Zivilisation war nie zivilisiert

Geronimos Grausamkeit war sprichwörtlich, das mag den Weißen als Rechtfertigung für die Totenschändung dienen. Andererseits hat sich bei den gegenwärtigen US-Feldzügen im Irak und in Afghanistan die Totenschändung durch GIs zu einem ernsten Problem entwickelt, das die Armee-Psychologen bisher nicht in den Griff bekommen konnten. Diese Soldaten kämpfen in einem Krieg gegen die Grausamkeit. Alle Versuche, die Grausamkeit der Natur oder des Schicksals aus der Realität auszuschließen, sind gescheitert. Meistens waren die frömmsten Erneuerungsbewegungen grausamer als das, was sie ersetzen wollten. Die Zivilisation war nie zivilisiert, das Christentum nie christlich. Geronimo achtet die Grausamkeit als notwendigen Teil der Natur. Er achtet General Miles, er achtet die Familie Bush. Er achtet Hauptmann Lawton, der Hand an ihn gelegt hat.

Lawton ist übrigens 13 Jahre später als General im amerikanisch-philippinischen Krieg von einem Scharfschützen getötet worden, dessen Vorgesetzter zufällig Geronimo hieß, Licerio Geronimo. Lawton hatte auch gegen Quanah Parker, den Komantschen-Häuptling gekämpft, der später die Native American Church gegründet hat, deren Mitglieder bis heute legal Peyote nehmen können, auch hier in diesem Reservat. Der Friede zwischen den Erbfeinden Komantschen und Apachen geht auf den Peyote zurück, das texanische Lipan-Apachen Quanah gegeben haben, als er schwer verwundet war.

Wir waren in mancher Hinsicht grausamer als die Weißen, zum Beispiel zu unseren Frauen. Es sind mehr indianische Frauen zu den Weißen übergelaufen als weiße Frauen zu den Indianern. Das war der wahre Grund des Untergangs. Wir können keinen Bestandteil der Wirklichkeit wie die Grausamkeit in ein Gefängnis wegsperren, ohne gerade diesem Bestandteil zusätzlich Energie zuzuführen, denn Wegsperren ist grausam.

Geronimos Gefangenschaft und die Schändung seiner Gebeine haben, wie die gesamte Assimilierung der Indianer, dazu geführt, dass das indianische Bewusstsein in das Bewusstsein der Weißen eingedrungen ist und es zu absorbieren begonnen hat. Die Weißen beginnen ebenfalls, ihrer Grausamkeit müde zu werden. 50 Jahre nach dem Diebstahl seiner Gebeine hat die weiße Jugend die Einladung Geronimos an General Miles angenommen und in großem Umfang begonnen, Peyote in synthetischer Form zu essen. Es war der massivste Ausbruchversuch aus dem Gefängnis der Geschichte seit ihrem Beginn. Nach der Kriminalisierung von LSD ist eine ganze Generation erniedrigt und in die Drogensucht getrieben worden, wie die Indianer. Religion und Moral der zivilisierten Welt sind seither am Ende, sogar der Glaube an Geld und Besitz. Nichts ist geblieben außer der Sucht nach mehr Illusion. Und die weißen Frauen sind so unglücklich wie die weißen Männer, obwohl sie ihnen die Macht weggenommen und sich gerächt haben wie Indianerinnen, oder gerade deshalb. Auch sie sollten beachten, dass die männliche Grausamkeit auf ihre Bekämpferinnen übergeht, denn das ist das Gesetz des Krieges.

Geronimo wäre nicht zu General Miles gekommen, wenn er des Kriegertodes nicht müde geworden wäre. Je unzivilisierter oder natürlicher ein Indianer ist, desto offener ist er für Todesarten, die ihn noch mehr herausfordern.

Ultimativer Mut ist Feigheit

Dem langsamen Tod in Gefangenschaft, den die Weißen Zivilisation nennen, das Sich-zu-Tode-Trinken, kann die unbezähmbare indianische Neugier auf Mutproben nicht widerstehen. Ultimativer Mut ist Feigheit. Geronimo hat sich dem Todestrip der Weißen angeschlossen, weil er das Schlimmste ist, was Gott bisher eingefallen ist. Es ist unwürdig, sich ihm zu entziehen, wenn ihn alle anderen erdulden zu müssen glauben. Wir Indianer haben alle Süchte der Zivilisation mitgemacht. Wir haben unser Land für ein paar Flaschen Schnaps verkauft, unsere Frauen, unsere Freiheit, unser eigenes Leben, alles, und zwar lachend, denn wer immer etwas kauft, wird es niemals wirklich besitzen. Diese meine Worte sind hiermit verkauft.

Jede Krankheit kann nur durch genau diese Krankheit geheilt werden. Ein echter Medizinmann steckt sich mit der Krankheit des Patienten an. Er verspricht keine Heilung. Er stellt nicht die Bedingung, dass man an ihn glaubt. Er tritt eher rollenkonträr auf, wie Gott in seinen notwendigen Verkleidungen. Ich heile nicht durch Heilung. Ich gehe in die Krankheit ein, ich ergebe mich ihr bedingungslos. Das bewirkt einen Identitätsverlust der Krankheit. Sie verwandelt sich in wertfreies Schicksal, in eine Form der universellen Liebe. Aber ich wollte dieses Wort vermeiden, es verspricht zu viel. Dabei heißt es absolut nichts. Goyaalé heißt: "Einer, der gähnt". (Wolfgang Rosar, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.09.2009)