Belastungsprobe: Der israelische Regisseur Samuel Maoz inszeniert in "Lebanon" Kriegserfahrung als klaustrophobisches Kammerspiel und Psycho-drama im Inneren eines Panzers.

Foto: Festival

Statt "Matt, Matt!" oder "George, George!" hieß es diesmal: "Presidente, Presidente!" Der rote Teppich vor dem Festivalpalast, sonst den Filmfans vorbehalten, wurde kurzerhand zur Polit-Arena. Schuld daran war Oliver Stones South of the Border: Sein neuer dokumentarischer Ausflug in die Weltpolitik wurde bei der 66. Mostra außer Konkurrenz gezeigt. Zur Premiere erschien tatsächlich Hugo Chávez, der populäre linke Regierungschef Venezuelas, und fotografierte Bewunderer und Paparazzi grinsend mit der selbst mitgebrachten Kamera.

Gegenpropaganda

So wie Michael Moore in Capitalism versucht auch Stone gegen die Verallgemeinerungen des medialen Mainstreams in den USA Position zu beziehen. Das Diktatorenimage des linken Volkstribuns und anderer südamerikanischer Politiker möchte er korrigieren, indem er ein umfassenderes Bild der politischen Umstände dieser Länder erstellt. Allerdings gelingt dem Regisseur auch nicht viel mehr als Gegenpropaganda: Wesentliche kritische Fragen werden nicht gestellt, Stone verlängert nur den Personenkult um Chávez oder kaut mit dem bolivianischen Staatschef Evo Morales Coca-Blätter.

Wo die rechtschaffenen Doku-Populisten so argumentieren, als hätten sie schon den Schlüssel zur Wahrheit gefunden, feiern zwei US-Spielfilme am Lido die Macht des Falschen. Grant Heslovs The Men Who Stare at Goats erzählt von einer Sonderabteilung der US-Army, die mit parapsychologischen Mitteln arbeitet - und die Grundlage dafür aus New-Age-Philosophien, Yoga und bewusstseinserweiternden Drogen bezieht. George Clooney ist ihr erfolgreichster Adept, der vom krisengebeutelten Journalisten Ewan McGregor auf eine abstruse Mission im Irak begleitet wird.

Das komische Moment dieser dilettantischen Antikriegsstrategie geht leider in dem allzu dünnen Plot wie im Wüstensand verloren. Nie wird ganz klar, ob dies nicht alles die Ausgeburt eines Idioten ist - angesichts jüngerer US-Kriegsoperationen ja kein ganz unplausibler Gedanke. Auch in Steven Soderberghs The Informant!, dem weit gelungeneren der beiden Filme, ist Einbildung die halbe Miete. Matt Damon spielt den biederen Biotechniker eines großen Lebensmittelkonzerns, der das FBI über illegale Absprachen unterrichtet und dafür kurzerhand zum Amateurspion aufsteigt.

Der Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht, errichtet ein groteskes Lügengebäude, von dem man ständig erwartet, dass es wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Dieser Moment der Offenbarung wird jedoch immer wieder geschickt hinausgezögert, als Zuschauer bleibt man in der Gedankenwelt eines notorische Betrügers gefangen, in der die Grenzen zwischen Fakt und erfundenem Material zunehmend verschwimmen.

Geschlossener Raum

Ernsthafter geht es unterdessen im Wettbewerb zu: In Lebanon stellt sich der israelische Regisseur Samuel Maoz seinen persönlichen Erfahrungen als Soldat während des ersten Libanonkriegs. Die erste Einstellung, ein Feld voller Sonnenblumen, die ihre Köpfe hängen lassen, ist die einzige Außenaufnahme des Films, der Rest spielt im engen, düsteren Inneren eines Panzers. Der Blick nach draußen bleibt in der Folge auf jenen durch das Zielfernrohr beschränkt.

Die konzeptuelle Idee erweist sich als äußerst effektvolles Mittel, die Unwägbarkeiten des Krieges zu thematisieren (und dabei geradezu physisch zu vermitteln). Jede Krisensituation verlangt eine Vielzahl von Entscheidungen, aus denen unmittelbar auch moralische Dilemmata erwachsen. Die jungen, unerfahrenen Soldaten sind dieser Belastungsprobe kaum gewachsen, was unter ihnen Friktionen hervorruft. Maoz inszeniert den Krieg als klaustrophobisches Kammerspiel, das sich in der zweiten Hälfte ein wenig in den Konventionen des Psychodramas verliert, aber dennoch zu den aussichtsreicheren Preisanwärtern gehören dürfte.

Den lichtesten Film des Wettbewerbs hat indes der französische Nouvelle-Vague-Meister Jacques Rivette mit 36 Vues du Pic Saint Loup (Around a Small Mountain) abgeliefert: Rund um einen kleinen Wanderzirkus, der in Südfrankreich Station macht, erzählt er eine kleine Geschichte um ein Trauma aus der Vergangenheit und dessen spielerische Auflösung. Jane Birkin verkörpert Kate, die die Manege vor mehr als 15 Jahren verlassen hat (warum, bleibt lange im Dunkeln), Sergio Castellitto ist Vittorio, der fremde Zwischenspieler, der sie aus ihrer inneren Verbannung herauslocken möchte.

Das für Rivette so charakteristische Spiel um Schicksal und Freiheit wird hier auf fast schon nebensächliche Weise durchexerziert. Die Zirkusclowns spielen ihren Begrüßungssketch, der mindestens so viele Variationen wie das Leben selbst kennt. "Nichts ist manchmal alles" , sagt einer von ihnen und bringt damit auch die Dringlichkeit eines Kinos zum Ausdruck, das keiner starken Thesen bedarf. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig, DER STANDARD/Printausgabe, 09.09.2009)