Barbara Ischinger lobt die berufliche Bildung in Österreich.

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Standard: Was läuft gut im österreichischen Bildungssystem?

Ischinger: Es kann auf bemerkenswerte Erfolge zurückblicken, vor allem die breite Etablierung einer hochwertigen beruflichen Bildung. Heute ist das Bildungssystem allerdings mit neuen Herausforderungen konfrontiert: alternde Bevölkerung, steigender Migrantenanteil und sich rasch verändernde Anforderungen an die Qualifikationen aus der Wirtschaft.

Standard: Sie kritisieren erneut Österreichs Akademikermangel.

Ischinger: Der Akademikeranteil ist im OECD-Vergleich immer noch niedrig. Österreich hat die Expansion, die in fast allen anderen OECD-Ländern in den vergangenen 15 Jahren in der tertiären Ausbildung stattgefunden hat, lange Zeit nicht mitgemacht. Blickt man heute allerdings auf den Anteil der Studienanfänger, dann sind diese Zahlen recht positiv. Es ist zu erwarten, dass sich die Akademikerquote auch in Österreich in den kommenden Jahren erhöhen wird. Um aber Anschluss an die internationale Entwicklung zu finden, bedarf es weiterer Anstrengungen.

Standard: Was bedeutet so ein Akademikerdefizit für ein Land?

Ischinger: Eine akademische Ausbildung vermittelt in der Regel viel breitere allgemeine Fähigkeiten als es die meist sehr spezifische berufliche Ausbildung kann. In einer Wirtschaftskrise, die auch mit einem Strukturwandel verbunden ist, sind akademisch gebildete Arbeitnehmer anpassungsfähiger und können sich besser auf die neuen Gegebenheiten einstellen.

Standard: Mit der "Neuen Mittelschule" gibt es einen dritten Weg neben Hauptschule und Gymnasium. Was sagen Sie zum Schulsystem mit der Trennung mit zehn Jahren, die so nur noch Deutschland kennt?

Ischinger: Unsere Studien, aber auch die von fast allen anderen Fachleuten kommen zu dem Schluss, dass diese frühe Trennung soziale Ungleichheit zementiert und dabei keine besseren Ergebnisse produziert. Die neue Mittelschule in Österreich, die ja eine Alternative zu dieser frühen Trennung etablieren soll, bewerten wir deshalb positiv. Aus unserer Sicht wäre es sinnvoll, das Modell neue Mittelschule weiter auszuweiten.

Standard: Welche Strukturreformen im Bildungsbereich rät die OECD der österreichischen Politik?

Ischinger: Wir empfehlen, den Ausbau in der vorschulischen Bildung fortzusetzen und die Reformen in der Sekundarstufe mit den nötigen finanziellen Ressourcen auszustatten. Für die Hochschulausbildung denken wir, dass der notwendige Ausbau nur gelingen kann, wenn eine stärkere private Beteiligung an den Kosten erfolgt, also Studiengebühren, aber auch Beteiligung von Unternehmen in Form von Stiftungsprofessuren und Stipendien. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2009)